Der Gegenspieler: Braucht die Nationalelf frisches Blut?

7. Juni 2012Felix> Bundesliga, | Der Gegenspieler

Willkommen zum Gegenspieler: In dieser wöchentlichen Kolumne beziehen zwei unserer Autoren unabhängig voneinander Stellung zu diskussionswürdigen Thesen. Die beiden Gegenspieler entscheiden ob die Prognosen eintreffen werden (Fakt) oder es nicht so kommen wird (Fiktion). Die heutigen Kontrahenten sind Felix und Stephan, die Thesen kommen in dieser Woche von Dominik.

 

1. Mindestens einer der beiden Gastgeber wird für eine große Überraschung sorgen.

Stephan: Fiktion. Für mich bedeutet „große Überraschung“ in diesem Zusammenhang, dass eines der Gastgeberländer ins Halbfinale einzieht. Und das sehe ich auf gar keinen Fall kommen. Zwar werden sich Polen in ihrer Gruppe hinter Russland und die Ukraine hinter Frankreich wiederfinden und das Viertelfinale erreichen, doch wird sie der Heimbonus nicht weitertragen können. Die Polen können zufrieden sein und die Ukrainer sogar stolz, dass sie England und Schweden hinter sich lassen konnten.

Felix: Fakt. Sowohl den Polen als auch dem Team aus der Ukraine traue ich einen überraschend gutes Abschneiden bei  der EM zu, wobei ich den Polen aufgrund der leichteren Vorrundengruppe die größeren Chancen ausrechne. Das Team des deutschen Nachbarn hat das jüngere und hungrigere Team, gespickt mit drei Stammspielern des deutschen Doublesiegers Borussia Dortmund. Die Leistungsträger aus der Ukraine wie Shevchenko oder Tymoshchyuk sind bereits in die Jahre gekommen und haben ihren Leistungszenit überschritten.

 

2. Es war ein Fehler von Englands Trainer Roy Hodgson, Martin Kelly statt Rio Ferdinand für den verletzten Gary Cahill nachzunominieren.

Stephan: Fiktion. Und ich werde es sportlich begründen. Martin Kelly ist ein junger, talentierter Außenverteidiger, der einen Platz in Liverpools Verteidigung gefunden hat – in einer Verteidigung bestehend aus Agger, Carragher, Johnson, Enrique und Skrtel. Diese Leistung darf durchaus mit einem Platz im Nationalteam gewürdigt werden. Junge Spieler benötigen Vertrauen und Wettkampfpraxis, um zu festen Größen ihrer Teams heranwachsen zu können. Roy Hodgson macht also alles richtig, auch wenn vielleicht sein Nachfolger erst davon profitieren wird.

Felix: Fiktion. Roy Hodgson hat die Nichtnominierung von Rio Ferdinand mit sportlichen Leistungen begründet. Er würde seine eigene Glaubwürdigkeit untergraben, wenn er Ferdinand nun doch mitnehmen würden. Der von internen Streit, Verletzungen und kleinen Skandälchen gequälten Mannschaft würde es sicher nicht weiterhelfen, wenn der Trainer zum Spielball von Presse und Team wird. Aus diesem Grund muss Hodgson seiner Linie treu bleiben und Rio Ferdinand in den Sommerurlaub schicken.

 

 

3. Jogi Löw sollte davon absehen, auf den erfahrenen Bayern-Block zu setzen und auch den anderen Spielern eine Chance geben.

Felix: Fiktion. Die Bayernspieler haben die meiste Erfahrung, eine Menge zu beweisen und sind auch qualitativ die besten Spieler im deutschen Kader. Neuer, Lahm, Schweinsteiger und Müller sind nicht gleichwertig zu ersetzen. Holger Badstuber gibt der wackligen deutschen Abwehr mehr Halt als Hummels, Mertesacker oder Höwedes. Und Mario Gomez und Jerome Boateng sind, wenn sie nicht von Beginn an auflaufen, wertvolle Reservekräfte, die andere Spieler gleichwertig ersetzen können. Es wäre unsinnig, nicht auf diese Spieler zu setzen. Egal, ob sie bei Bayern München spielen oder nicht.

Stephan: Fiktion. Ich denke, dass Jogi Löw anderen Spielern immer eine Chance gibt. In Qualifikations- und Freundschaftsspielen. Bei einer EM bleibt aber keine Zeit für „Experimente“. Es bedarf eines funktionierenden Teams, um Europameister zu werden. Und dieses Deutsche Team funktioniert nur mit dem Bayernblock als Sicherheits- und Schaltzentrale. Es wäre für mich genau der falsche Weg neue Spieler während der Turnierphase „auszuprobieren“: Es verunsichert nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Spieler, die auf diesen Position in einer solchen Konstellation selten spielen.

 

4. Das Team von Frankreich gilt insgeheim als großer Favorit auf den EM-Titel.

Felix:  Fiktion. Ich bin mir nicht sicher, was hier gemeint ist. Frankreich ist kein „großer Favorit“ auf den Titel, aber mit Sicherheit ein Geheimtipp.  Die Mannschaft ist nach den katastrophalen Ergebnissen der letzten Turniere heiß und verfügt über technisch starke Spieler. Hinzu kommt Coach Laurent Blanc, der bereits als Spieler Chef auf dem Platz war und sich zu einem sehr guten Trainer entwickelt hat. Den Franzosen ist das Halbfinale oder vielleicht sogar der Sprung ins Finale zuzutrauen, sind aber sicherlich schwächer zu bewerten als die spanische oder die deutsche Mannschaft.

Stephan: Fakt. Die Franzosen haben bislang immer viele tolle Fußballer hervorgebracht und spickten damit auch ihre Nationalmannschaft. Das Problem, welches die Franzosen in den Jahren nach den Titelgewinnen hatten, waren charakterlicher Natur: keine Motivation, keine Identifikation, keine Lust. Dieses Jahr scheint die Équipe Tricolore  dies mitzubringen und wird uns dann wieder beweisen, dass in Frankreich attraktiver Fußball gespielt wird, der vielleicht eine große Überraschung für alle parat hat.

 

 

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