Der Gegenspieler: Noch immer Titelfavorit?

3. Juli 2014Felix> WM 2014, | Der Gegenspieler

Für den Gegenspieler zur Weltmeisterschaft haben wir uns besondere Verstärkung geholt. Marc von vompunkt.de ist unser Gast angesichts einer ereignisreichen WM-Vorrunde und einer Reihe enger Achtelfinalspiele. Die Gegenspieler setzen sich mit dem deutschen Team, der Torlinientechnik und Arjen Robben auseinander. Zudem kommt die unvermeidbare Frage auf, wo Philipp Lahm für die Nationalelf spielen soll.

Im Gegenspieler stellen wir unseren Autoren vier Fragen zu aktuellen Themen, die unsere beiden Gegenspieler unabhängig voneinander beantworten. Das Gegenüberstellung der beiden gibt’s dann im Artikel.

 

 

1. Gehört Deutschland nach dem Auftritt im Achtelfinale noch zu den Favoriten auf den Titel?

Marc (vompunkt.de): JA. Wobei die Gegenfrage erlaubt sein muss, welche der Mannschaften im Moment überhaupt spielt wie ein Favorit. Im Achtelfinale hatten letztlich eigentlich alle Teams Probleme, bis auf eine Ausnahme: Kolumbien. Fünf von acht Begegnungen mussten zudem mindestens in die Verlängerung, mit Ruhm bekleckert hat sich keiner. Insofern bleibt die Erkenntnis, dass auch alle anderen Mannschaften Probleme haben, keiner einfach reibungslos durchmarschiert und die Truppe, die Löw zur Verfügung hat, einen weiteren Favoritenstatus gegenüber einigen anderen Kadern nach wie vor rechtfertigt.

Felix: JA. Und das hat mehrere Gründe. Zum einen war die deutsche Mannschaft bereits vor dem Spiel der größte Titelfavorit und nun ist sie immer noch im Turnier. Es hat sich also an der Ausgangslage nichts geändert. Zum anderen ist nur Kolumbien ein wirklich souveräner Einzug in die Runde der letzten Acht gelungen. Ein knappes Weiterkommen ist also nichts Ungewöhnliches bei diesem Turnier. Und deshalb auch kein Zeichen von Schwäche.

 

2. Sollte Philipp Lahm den Rest des Turniers auf der Außenbahn spielen?

Marc: JA. Philipp Lahm hätte eigentlich schon die gesamte WM auf dieser Position spielen MÜSSEN. Ein vernünftiges Spiel über die Flügel – oder wenigstens über einen Flügel – findet derzeit so gut wie nicht statt. Was ebenso offenbart, dass bis auf Lahm derzeit kein Außenverteidiger von Weltklasseformat im deutschen Team zu finden ist. Schlimmer ist noch die Tatsache, dass im Moment auf den Außen gelernte Innenverteidiger spielen, und der gelernte Außenverteidiger in der Zentrale… das verstehe, wer will.

Felix: JA. Bitte, bitte, bitte. Der liebe Philipp erreicht im zentralen Mittelfeld derzeit einfach nicht seine gewohnte Leistungsstärke. Darüber hinaus ist nun eine Phase des Turniers gekommen, in dem Benedikt Höwedes als Außenverteidiger zum Risiko wird. Nicht nur, weil seine Seite im Spiel nach vorne ungefährlich bleibt, sondern auch, weil er im Viertel- und Halbfinale erst Valbuena und schließlich Neymar oder Oscar verteidigen müsste. Das wird kein gutes Ende nehmen für den Schalker.

 

3. Sollte die Torlinientechnik auch in der Bundesliga zum Einsatz kommen?

Marc: JA. Allein schon der Fairness halber wäre die Einführung für alle eine positive Neuerung, siehe das letzte Pokalfinale zwischen Dortmund und Bayern oder Kießlings Tor in Hoffenheim. Letztlich wird es aber an der Kostenfrage scheitern. Teams mit entsprechendem Etat können dies ohne Frage stemmen und die Wartung auch bezahlen. Erklärt das aber mal den Verantwortlichen in Sandhausen, Aue und Aalen, dass ihr geringer Etat nun mit mindestens 500.000 € nur für die Anschaffung des Systems belastet werden soll. Für eine Anlage, die am Ende vielleicht auch nur bei zwei strittigen Situationen pro Saison zum Einsatz kommen muss. Ein Solidarprinzip würde helfen, dazu müssten aber manche Sportdirektoren und Verantwortliche über ihren Schatten springen.

Felix: JA. Warum nicht? Die Torlinientechnik wird bei diesem Turnier bereits eingesetzt und hat gute Dienste geleistet. Die liebgewonnene Diskussion um merkwürdige Entscheidungen von Schiedsrichtern ist trotzdem nicht ausgeblieben – im Gegenteil, der Unparteiischen stehen im Fokus wie es zuletzt bei der WM 2002 der Fall war. Es sprechen also gute Argumente dafür, in der Bundesliga und ab dem Halbfinale im DFB-Pokal die Torlinientechnik zu nutzen. Mit der Beschränkung auf die erste Spielklasse wäre auch das Problem gelöst, dass einige Zweitligisten die technische Einrichtung nicht finanzieren können.

 

4. Ist Costa Ricas Vorrücken ins Viertelfinale die größte Überraschung der WM?

Marc: NEIN. Das wir uns nicht falsch verstehen: Was Costa Rica in einer Gruppe mit England, Italien und Uruguay veranstaltet hat, ist aller Ehren wert, aber mehr den teils indisponierten Gegnern zuzuschreiben. Auch der Kraftakt mit am Ende nur zehn Mann gegen überalterte abgezockte Griechen verdient höchsten Respekt. Was Kolumbien allerdings auf den Rasen zaubert, ist noch beeindruckender. Auch die stehen zum ersten Mal in einem WM-Viertelfinale und die spielerische Klasse, die Rodríguez und Co. mitbringen, ist eine Augenweide.

Felix: NEIN. Costa Rica im Viertelfinale. Das klingt zwar verrückt, hat sich aber eigentlich beim ersten Auftritt des Teams gegen Uruguay schon angedeutet. Die Mannschaft spielt mit einem klaren taktischen Konzept, aber ohne Angst. Zudem sind mehrere Spieler gleichzeitig (Navas, Duarte, Campbell) in der Form ihres Lebens. Viel mehr haben mich zwei andere Dinge überrascht. Der Einzug der technisch unheimlich beschränkten Amerikaner ins Achtelfinale ist angesichts der starken Gruppe viel unvorhersehbarer gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass Weltmeister und Topfavorit Spanien zu den ersten zwei Mannschaften gehörte, die aus dem Turnier ausgeschieden sind.

 

5. Wird sich die Dreier/Fünferkette auch in der Bundesliga durchsetzen?

Marc: JA. Über kurz oder lang wird es so sein. Erste Gehversuche konnte man in der Bundesliga schon beobachten, in Italien spielten das letzte Saison 18 von 20 Teams. Dabei kommt es darauf an, ob man entsprechend flexible Außenverteidiger zur Verfügung hat, die die Außenbahnen rauf und runter sprinten können, so dass vom Papier her zwar ein 4-3-3 gespielt wird, die Außen aber vorwiegend offensiv agieren und ein Sechser soweit abkippt um abzusichern, dass es letztlich ein 3-5-2 ist. So spielen es beispielsweise schon die Bayern mit Alaba und Rafinha auf Außen, Lahm oder Schweinsteiger sichern ab.

Felix: JA. Wie schon beim 4-2-3-1 wird es einige Trainer geben, die ungeachtet vom verfügbaren Spielermaterial jetzt auch unbedingt das System spielen müssen, das gerade angesagt ist (Ich schaue in deine Richtung, Dieter Hecking). Andere Vereine arbeiten hingegen sogar an einem Kader, der von der Viererkette abrückt. Was Bayern München im Pokalfinale spielte, könnte ein verheißungsvoller Gruß an die kommende Saison gewesen sein. Zumal Rafinha und Alaba nicht unbedingt zu den besten Außenverteidigern Europas gehören und Philipp Lahm im Verein mit der Sechserrolle kaum Probleme hat.

 

6. Gehört Arjen Robben auf eine Ebene mit den Ausnahmefußballern Messi und Cristiano Ronaldo?

Marc: NEIN. Ich rede seit Wochen davon, dass Robben in den letzten Monaten zum ersten Mal sein volles Potential zeigt. Bei Chelsea immer angedeutet, bei Real immer angedeutet, bei Bayern auch lange angedeutet, letztlich waren aber immer seine Knochen im Weg. Nun hat er endlich die Fitness und sie haben ihn in München tatsächlich hinbekommen. Im Gegensatz zu Cristiano und Messi geht Robben aber vollkommen das Unvorhersehbare ab. Auch wenn es nicht zu unterbinden ist, spielt Robben trotzdem zu sehr nach Schema F. Von rechts reinziehen, warten, warten, antäuschen, noch mal verzögern, mit links abziehen. Was Ronaldo und Messi dagegen machen, ist kaum zweimal das Gleiche.

Felix: NEIN. Arjen Robben hat in dieser Saison den Durchbruch in die Weltklasse geschafft und gehört zu den 10 Spielern auf diesem Planeten, die jederzeit den Unterschied in einem Spiel machen können. Seine Schnelligkeit mit Ball und seine Schusstechnik sind eine Bedrohung für jeden Gegner. Cristiano Ronaldo und Lionel Messi sehe ich jedoch noch eine Ebene höher: Sie sind in den vergangenen 2 Jahren auf dem Level „beste Fußballer der Menschheitsgeschichte“ mit Pele und Maradona angekommen. Auch wenn Robben zu den überragenden Erscheinung der letzten beiden Champions League Saisons und der WM 2014 gehört, ein Kandidat für den Fußball-Olymp ist er wirklich nicht.

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