Der Rückpass: Borussia Dortmund 2001/2002 (Teil 1)

8. April 2012Felix> Bundesliga, Der Rückpass

Willkommen zum Rückpass! In dieser Kolumne dürfen manche in Erinnerung schwelgen und andere eine kleine Geschichtsstunde erfahren. Im Rückpass beschäftigen wir uns mit besonderen Teams der Vergangenheit: Wie konnte aus einem mittelmäßigen Verein ein UEFA-Cup Sieger und einem Aufsteiger der deutsche Meister werden? Im Rückpass stellen wir uns diesen Fragen.

Bevor Jürgen Klopp nach Dortmund kam und der Borussia neues Leben einhauchte war 2002 das letzte Jahr, in dem der BVB um den Titel mitspielte. Wir blicken zurück zur Mannschaft, die den 6. Meistertitel nach Dortmund holte und bis 2009 als letztes Team aus Deutschland das Finale des UEFA-Pokals erreichen konnte.

 

Die Vorgeschichte – Vom absoluten Tiefpunkt auf Rang 3

Am späten Abend des 4.Februars 2000 glaubte das Führungsduo von Borussia Dortmund, bestehend aus Manager Michael Meier und Präsident Gerd Niebaum, den absoluten Tiefpunkt der jüngeren Vereinsgeschichte erreicht. Nach einer 0:1 Heimniederlage gegen den 1.FC Kaiserslautern rutschte die Borussia auf den 6.Tabellenplatz – und Trainer Michael Skibbe musste seinen Posten räumen. Sein Nachfolger wurde Bernd Krauss, dem fünf Jahre zuvor mit Mönchengladbach der überraschende Einzug in den UEFA-Pokal gelungen war.

Unter Krauss sollten jedoch nur wenige Punkte zum Dortmunder Konto hinzukommen: Am 11.04.2000 war der BVB, nach einer Heimniederlage gegen Unterhaching, den Abstiegsplätzen näher als man es jemals für möglich gehalten hätte. Udo Lattek wurde aus dem Ruhestand verpflichtet (über die Ablöse an den DSF Doppelpass wurde Stillschweigen vereinbart) und als Cheftrainer installiert. In seinem Schatten sollte Matthias Sammer das Trainerhandwerk lernen und die Borussia vor dem Abstieg retten.

Mit Lattek an seiner Seite machte Sammer am 33.Spieltag im Heimspiel gegen Schalke den Klassenerhalt perfekt und war von nun an auf sich allein gestellt. Mit ansehnlichem Erfolg: Zum Saisonende 2001 stand der BVB auf dem 3.Tabellenplatz. Ein schöner Einstand für den jungen Trainer Sammer, doch die Dortmunder Führung wollte mehr: Es sollten wieder Titel nach Dortmund geholt werden. Buchstäblich um jeden Preis.

Die Neuzugänge – Qualität für 100 Millionen Mark

Borussia Dortmund hatte bereits vor der Saison einen schlagfertigen Kader zusammengestellt: Mit Jens Lehmann stand ein Nationaltorhüter im Tor, davor räumten mit dem erfahrenen Christian Wörns und dem jungen Christoph Metzelder zwei starke Innenverteidiger ab. Mit den Brasilianern Evanilson und Dede  hatte der BVB als erstes Team der Liga zwei moderne Außenverteidiger, die bis heute die Spielweise für diese Position prägen. Sunday Oliseh, Miroslav Stevic oder Lars Ricken gehörten zu den besten Mittelfeldspielern der Liga, und mit Heiko Herrlich und Fredi Bobic standen zwei Torschützenkönige vergangener Jahre im Kader der Dortmunder.

Garniert wurde diese Auswahl an Klassespieler mit zwei Weltmeistern von 1990: Stefan Reuter und Jürgen Kohler, der seine letzte Saison für die Borussia spielte. Doch ihre Erfahrung, Ausstrahlung und fußballerischen Fähigkeiten waren ein großes Plus, auch so kurz vor ihrem Karriereende.

Dieser starke Pool von Spielern sollte innerhalb eines Jahres unschlagbar gemacht werden – Die Reihe von teuren Neuverpflichtungen begann bereits in der Vorsaison, denn zur Rückrunde 2001 wurde der talentierte Spielmacher Tomas Rosicky verpflichtet. Etwa 14,5 Millionen Euro überwiesen die Borussen nach Prag, und Rosicky schlug umgehend ein. Ein wenig günstiger wurde der zweite Tscheche, den die Dortmunder ins Westfalenstadion holten: Jan Koller, ein über zwei Meter großer Mittelstürmer, wurde für 12,5 Millionen Euro aus Anderlecht verpflichtet. Der pfeilschnelle Außenstürmer Ewerthon wurde während der Hinrunde für 7 Millionen € aus Brasilien geholt, komplettiert wurde die Dortmunder Kauftour im Winter mit Sebastian Kehl, der beim SC Freiburg seine Rolle als Libero sehr offensiv und dynamisch interpretierte. Die 3,5  Millionen € Ablöse, die Dortmund für ihn bezahlte, wurden mit lauten Geräuschen begleitet: Kehl hatte angeblich bereits einen Vertrag mit dem FC Bayern ausgehandelt. Das von den Bayern vorab gezahlte Handgeld für eine Vertragsunterschrift erstattete Kehl zurück nach München und wechselte stattdessen zum BVB. Man kann sich die Begeisterung von Uli Hoeneß über diesen Schachzug der Konkurrenz gut vorstellen.

Den spektakulärsten Transfer tätigten die Borussen jedoch mit Stürmer Marcio Amoroso, der vom FC Parma nach Dortmund kam. 50.000.000 DM soll Amoroso die Borussia insgesamt gekostet haben. Miteingerechnet sind abstruse Modalitäten, wie den Verkauf des Brasilianers Evanilson an Parma, der aber von Seiten der Borussia umgehend wieder von den Italienern ausgeliehen wurde, natürlich auch in Verbindung mit einer Ablösesumme. Alle Neueinkäufe, allen voran Amoroso, der in jener Saison mit 22 Treffern Torschützenkönig wurde, halfen der Mannschaft sportlich sofort weiter. Aber das unverantwortliche Umherwerfen mit Geld sollte dem Verein nicht nur in den folgenden Jahren viele frustrierende Saisons im Mittelmaß bescheren, sondern sogar die Existenz der Borussia bedrohen.

Die Aufstellung – Neue Ideen für junge Stars und alte Helden

Trainer Matthias Sammer erwies sich in seiner zweiten Saison als Trainer als äußerst flexibel und experimentierfreudig – er probierte viele taktische Grundformationen aus, und lies selten das gleiche Personal spielen. Dies ist allerdings auch dem enormen Terminplan dieser Saison geschuldet: 52 Pflichtspiele hatte der BVB in dieser Saison zu bestreiten. Am häufigsten konnte man ein offensiv ausgerichtetes 4-3-3 bei der Borussia beobachten. Wechselweise mit einem oder zwei offensiven Mittelfeldspielern.

Allein der Torwart ist eine konstante: Jens Lehman war in diesem Jahr der große Rückhalt der Borussen. In den Jahren davor war das Spiel des Ex-Schalkers noch von Patzern gekennzeichnet, doch im Meisterjahr spielte Lehmann seine beste Saison in der Bundesliga. Vor ihm fand sich eine sehr starke Innenverteidigung, bestehend aus dem Routinier Jürgen Kohler, dem soliden Christian Wörns und dem jungen Talent Christoph Metzelder, der für seine gute Saison mit einem WM-Ticket belohnt werden sollte. Die Außenverteidiger waren die Brasilianer Dede und Evanilson. Evanilson war ein laufstarker Spieler, der Bälle verschleppen und Lücken schließen konnte. Dede war bereits damals einer der technisch stärksten Spieler der Liga, mit einem guten Stellungsspiel und gefährlichen Pässen und Flanken.

Aufgrund der stark besetzten Innenverteidigung konnten die beiden Brasilianer oft aktiv ins Offensivspiel eingreifen. Ersatz für beide war der beidfüßige Nationalspieler Jörg Heinrich, der zu diesem Zeitpunkt zu den besten deutschen Flügelspielern gehörte. Vor der Abwehr fand Stefan Reuter eine neue Heimat: Jahrelang spiele Reuter für die Nationalelf und Borussia Dortmund auf der rechten Außenbahn, doch mit höherem Alter fehlten dem Kapitän Tempo und Spritzigkeit. Vor der Abwehr fing Reuter gegnerische Angriffe ab und konnte durch seine technischen Fähigkeiten eigene Angriffe einleiten. Im defensiveren System spielte neben Reuter der schussgewaltige Nigerianer Sunday Oliseh. Nach der Winterpause kam an Olisehs oder Reuters Stelle auch häufig der neuverpflichtete Sebastian Kehl zum Einsatz, der jedoch im Europapokal nicht spielberichtigt war.

Im offensiven Mittelfeld spielte Lars Ricken eine Schlüsselrolle für Borussia Dortmund: Durch seine Dribblings und seine Torgefahr war er in der Lage, mehrere Gegenspieler auf sich zu ziehen und somit Freiräume für Tomas Rosicky zu schaffen. Die starke Technik und das gute Passspiel des Tschechen waren eine wichtige Waffe der Dortmunder im Kampf um den Titel. Rosicky tauchte jedoch hin- und wieder als hängende Spitze auf, wodurch Ricken im Mittelfeld der Borussen umso wichtiger wurde. Wen es wundern sollte, dass Ricken 2002 im WM-Kader der Deutschen stand: Er war wirklich gut in diesem Jahr!

Im Sturm stand im Zentrum Jan Koller, der mit hohen Flanken und langen Bällen gesucht wurde und seine Größe nutzen konnte, um Kopfballtore zu erzielen oder seine Mitspieler in Szene zu setzen. Flankiert wurde Koller vom schnellen und dribbelstarken Außenstürmer Ewerthon, der darüber hinaus erstaunliche Torgefahr ausstrahlte und Marcio Amoroso. Dessen Antrittsschnelligkeit und brilliante Schusstechnik verzückte die Dortmunder Fans und Verantwortlichen in dieser Saison, bevor er sie in den Folgejahren durch seine Charakterschwächen zu Verzweiflung trieb.

Ergänzend sollte man im Sturm noch das „zweite Trio“ erwähnen, da dieses auch zu einigen Einsätzen kam: Als Ersatz für Koller war in der Hinrunde Fredi Bobic vorgesehen, der jedoch nach schwachen Leistung an die Bolton Wanderers verliehen wurde, stattdessen kam nach dem Jahreswechsel Heiko Herrlich häufiger zum Zug. Auf den Außenbahnen waren der Ghanaer Otto Addo und der Norweger Jan Derek Sörensen die Alternativen. Addo war ein schneller und einsatzfreudiger Spieler mit passablen technischen Fertigkeiten. Sörensen schoss einige Jahre zuvor in einem Championsleaguespiel gegen den BVB 3 Tore und wurde von den Dortmundern rasch verpflichtet. Schnell und ernüchtert musste man jedoch feststellen, dass Sörensen seine Flanken an guten Tagen hinter das Tor trat. An schlechten traf er nichtmal den Ball.

Der Saisonstart – 6 Siege und 1 dicke Blamage

Am 28.07. startete die Bundesliga in die neue Saison. Beherrschendes Thema am ersten Spieltag waren die dramatisch verpasste Meisterschaft des Konkurrenten aus Herne in der Vorsaison und die enormen Transferausgaben der Dortmunder Borussia. Der 1.FC Nürnberg war am ersten Spieltag zu Gast im Westfalenstadion und wurde mit 2:0 besiegt. Beide Tore erzielte Topstar Amoroso. Der Respekt vor den Transfers der Dortmunder wuchs. Auch die folgenden Spiele brachten Siege mit dem gleichen Ergebnis: in Berlin und in der Champions League Qualifikation im ukrainischen Donezk gewannen die Borussen mit 2:0.

Am 3.Spieltag legten die Borussen sogar noch eine Schippe drauf: Der VfL Wolfsburg wurde mit 4:0 aus dem Stadion gefegt, und alle Millioneneinkäufe trugen sich in die Torschützenliste ein: Rosicky, Amoroso und Koller trafen, zudem war auch Lars Ricken erfolgreich. Beim Auswärtsspiel in Rostock kamen weitere drei Punkte auf das Konto der Borussia, bevor im Rückspiel gegen Schachtjor Donezk das Undenkbare geschah: Das erste Mal in dieser Saison mussten die Dortmunder ein Gegentor hinnehmen! Julius Aghahowa brachte die Gäste nach acht Minuten in Führung und die Teilnahme an der Gruppenphase in leichte Gefahr. Doch in der zweiten Halbzeit stellten die Borussen klar, wer Herr im Haus ist: Zwei Tore von Amoroso leiteten ein 3:1 der Dortmunder ein.

Dortmund hatte bisher alle Saisonspiele gewonnen und es gab keinen Zweifel mehr: Die verschwenderische Transferpolitik schien der richtige Weg zu sein. Die Neuzugänge ließen Borussia Dortmund unbesiegbar erscheinen und spendeten der Bundesliga tollen Fußball, schöne Tore und viel Freude. Die nächste Aufgabe brachte die erste Runde des DFB-Pokals:

Dort wartete die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg auf das Dortmunder Starensemble. Da die erste Elf bereits mit 4:0 geschlagen wurde und noch einige Spiele in der Hinrunde auszutragen waren, schonte Matthias Sammer seine Stammspieler in diesem Spiel; nur 2 Spieler, die in der Bundesliga beim Sieg gegen Rostock spielten, liefen auch in Wolfsburg auf. Doch eine hart an der Fairnessgrenze kämpfende Truppe um einen überragenden jungen Verteidiger namens Maik Franz schaffte das Unglaubliche: Die Dortmunder wurden mit 1:0 bezwungen.

 

 

Nur eine Woche nach diesem Schock stand der nächste Knaller auf dem Programm: Der zu diesem Zeitpunkt amtierende Champions League Sieger Bayern München kam zum Gipfeltreffen nach Dortmund. In diesem Spiel würde sich zeigen, was die Siegesserie der Vorwochen Wert war. Denn neben einer Menge Prestige gingen es in diesem Spiel auch um die sportliche Ausgangsposition für die kommenden Wochen und Monate, denn die Bayern hatten bereits einige Punkte verloren. Und diesmal würde ganz bestimmt die beste und ungeschlagene Elf der Borussia auf dem Platz stehen…

Weiter geht es mit Teil 2.

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