Der Rückpass: VfB Stuttgart 2006/2007 (Teil 2)

11. März 2012Felix> Bundesliga, Der Rückpass

Willkommen zum doppel-sechs Rückpass! In dieser Kolumne dürfen manche in Erinnerung schwelgen und andere eine kleine Geschichtsstunde erfahren. Im Rückpass beschäftigen wir uns mit besonderen Teams der Vergangenheit: Wie konnte aus einem mittelmäßigen Verein ein UEFA-Cup Sieger und einem Aufsteiger der deutsche Meister werden? Im Rückpass stellen wir uns diesen Fragen.

In der heutigen Ausgabe widmen wir uns dem Team des VfB Stuttgart aus der Saison 2006/2007 – Eine Mannschaft mit scheinbar durchschnittlichen Spieler, ergänzt durch unerfahrene Talente wie Gomez, Tasci und Khedira, holte in dieser Saison die Meisterschale ins Schwabenland. Hier geht es zurück zu Teil 1.

Der Weg in die Winterpause beginnt in München

Und es ging gut los in der Allianz Arena: Mario Gomez konnte bereits in der achten Minute das 1:0 für die Gäste erzielen. Doch noch vor der Pause drehte das brandgefährliche Sturmduo der Bayern, Roy Makaay und Claudio Pizarro, die Partie mit je einem Treffer zu Gunsten des Rekordmeisters. Pizarros Tor zum 2:1 sollte dabei nicht nur spielentscheidend sein, sondern auch das letzte, dass der VfB in der Bundesliga im Jahr 2006 kassierte. Nach der Niederlage gegen die Bayern gaben sich die Schwaben minimalistisch: Die beiden Heimspiele gegen Bochum und Mönchengladbach wurden mit 1:0 gewonnen, gegen Mainz und Cottbus gab es Auswärts ein 0:0. Zwei Tore in den Spielen gegen vier Abstiegskandidaten waren recht dürftig, doch die Ausbeute von 8 Punkten durchaus OK. Der VfB überwinterte auf Rang 4, mit 4 Punkten Rückstand auf das Führungsduo Schalke 04 und Werder Bremen.

Vor dem Antritt des Winterurlaubs gab es jedoch noch etwas zu feiern: Vor dem Gang in die Winterpause zogen die Stuttgarter durch ein 4:1 in Bochum in das Viertelfinale des DFB-Pokals ein. Thomas Hitzlsperger war dabei mit zwei Toren für den Sieg hauptverantwortlich.

Nürnberg wird zum Angstgegner

Im Laufe der Hinrunde hatte sich der VfB als Spitzenmannschaft etablieren können. Mit entsprechend gesteigerten Erwartungen reiste die Mannschaft zu Rückrundenstart nach Nürnberg. Das peinliche 0:3 aus dem Hinspiel war noch nicht vergessen und die Mannschaft wollte Revanche. Dennoch sollte es erneut ein schweres Spiel werden: In der 59.Minute führten die Franken bereits mit 2:1, als Serdar Tasci mit einer roten Karte vom Feld gestellt wurde. Danach brachen alle Dämme und Stuttgart kam erneut mit 1:4 unter die Räder.

In den folgenden Spielen rehabilitierte sich Vehs Team aber auf eindrucksvolle Weise: Gegen Frankfurt, Dortmund und Bielefeld holte das Team 3 Siege und schoss dabei 8 Tore, Meisterschaftsanwärter Bremen wurde gar mit 4:1 aus dem Gottlieb-Daimler-Stadion geschossen. Am 22.Spieltag stand der VfB Stuttgart auf Rang 2, Fünf Punkte hinter Spitzenreiter Schalke 04. Zwei Heimspiele gegen Hertha BSC standen nun auf dem Programm: Zunächst in der Bundesliga, anschließend im DFB-Pokal. In der Bundesligapartie konnten die Berliner die Siegesserie der Schwaben stoppen und erkämpften sich ein äußerst glückliches 0:0. Im Pokalspiel zeigten sich die Stuttgarter kompromissloser: Cacau und Thomas Hitzlsperger sorgten in einem spannenden Spiel für den verdient 2:0 Erfolg der Heimelf, Stuttgart stand im Halbfinale des DFB-Pokals.

In der Bundesliga sollten jedoch einige ernüchternde Wochen folgen: Zunächst verlor die Mannschaft in Leverkusen mit 1:3, im folgenden Heimspiel gegen Wolfsburg gab es erneut nur ein 0:0. Schlimmer als der Punktverlust war jedoch in diesem Spiel die Verletzung Mario Gomez, der sich einen Bänderriss zuzog und sich, als er aus Verärgerung über die Verletzung kurz nach seiner Auswechselung auf einen Alukoffer eindrosch, auch noch die Hand brach.

Das Ende der Meisterschaftsträume – Und der Beginn des Weges zum Titel

Stark geschwächt traten die Stuttgarter zum Spitzenspiel des 26.Spieltags bei Schalke 04. Und trotz einer überlegen geführten Partie machte sich das Fehlen von Gomez zu stark bemerkbar: Schalke gewann durch ein Kopfballtor von Krstajic nach einer Ecke mit 1:0. Vier Spiele ohne Sieg mit nur einem geschossenen Tor ließen die Mannschaft von Armin Veh auf den dritten Platz zurückfallen, mit 7 Punkten Rückstand auf Schalke. Der Traum, um die Meisterschaft mitspielen zu können, war nach der Niederlage gegen die direkte Konkurrenz geplatzt.

Den Kampf um den Einzug in den Europapokal nahmen die Schwaben in der Folgewoche gegen Alemannia Aachen jedoch mit großer Ernsthaftigkeit auf und gewannen mit 3:1. Gegen den von Huub Stevens von den Abstiegsplätzen ins Mittelfeld zurückgeführten HSV gab es in der Folgewoche ein beeindruckendes 4:2, wobei die Stuttgarter bereits mit 4:0 im Hamburger Volkspark vorne lagen. Ein glückliches 2:1 gegen Hannover 96, durch ein wirklich sehenswertes Eigentor des 96ers Darius Zuraw krönte die Serie von drei Siegen in Folge.

Doch in den folgenden Partien sollte sich erst entscheiden, wie erfolgreich diese Saison wirklich werden konnte: Zunächst stand das Pokalhalbfinale in Wolfsburg anschließend, anschließend kam der FC Bayern, mittlerweile wieder von Ottmar Hitzfeld betreut, ins Schwabenland.

Im Pokalspiel in Wolfsburg zeigte die Mannschaft, dass, trotz der Schützenfeste in der Liga, ihre taktische Disziplin ihre größte Stärke war. Ein Freistoßtor von Alessandro da Silva brachte die Schwaben in der 16.Minute in Führung. Obwohl die Wölfe, angeführt von einem entfesselten Marcelinho, sich beste Chance herausspielen konnten, hielten die Stuttgarter den knappen Vorsprung und brachten das 1:0 über die Zeit. Das Spiel gegen die Bayern sollte einfach werden, als viele dachten. Mit einem überraschenden Doppelpack in der 23. und 25. Minute schockte Cacau die Bayernspieler so sehr, dass diese nicht mehr ins Spiel zurückkommen konnten. Die Münchener wurden mit 2:0 besiegt.

Bei noch vier ausstehenden Spielen, die alle gegen Mannschaften aus den unteren Tabellenregionen zu bestreiten waren, stand der VfB Stuttgart auf Rang 3 der Tabelle. 2 Punkte hinter Werder Bremen und 4 Punkte hinter Schalke 04. Plötzlich standen die Vorzeichen anders – denn sowohl der Spielplan als auch die momentane Form der Teams sprachen für den VfB Stuttgart.

4 Punkte zur Spitze, 4 Siege zur Meisterschaft

Der 31.Spieltag begann am Freitagabend mit dem Spiel Bochum-Schalke. Die Bochumer, in der Rückrunde in bestechender Form und angeführt von Spielmacher Misimovic und dem späteren Torschützenkönig Theofanis Gekas konnten den Nachbarn tatsächlich mit 2:1 bezwingen. Am kommenden Samstag gewann Stuttgart beim Tabellenschlusslicht aus Mönchengladbach durch ein Tor von Roberto Hilbert souverän mit 1:0. Am Sonntag gab es weitere gute Nachrichten von den anderen Plätzen: In einem packenden Duell verlor Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld mit 2:3. Dadurch konnten die Stuttgarter an den Bremern vorbeiziehen und standen nur noch 1 Punkt hinter Spitzenreiter Schalke.

Am darauffolgenden Spieltag gewannen alle drei Titelkandidaten ihre Spiele, so dass es am 33.Spieltag zu einem Showdown kommen sollte, wobei Werder Bremen die leichteste Aufgabe zu haben schien: Sie empfingen Eintracht Frankfurt, ein Team welches längst in den Untiefen des Mittelfelds versumpft war. Schalke 04 musste zum großen Rivalen aus Dortmund und sich dort beweisen, bevor im letzten Heimspiel Arminia Bielefeld wartete. Der VfB musste zur anderen Mannschaft der Stunde: Nur ein paar Kilometer entfernt erwarteten Misimovic, Gekas und der Rest des VfL Bochum die Schwaben.

Zunächst lief alles für den Spitzenreiter: Bereits in der 4.Minute ging der VfL Bochum gegen Stuttgart in Führung, und nur 10 Minuten später sorgte Amanatidis für das überraschende 1:0 Frankfurts in Bremen. Mitte der ersten Halbzeit sorgte Thomas Hitzlsperger für das 1:1, dennoch ging der VfB mit einem Rückstand in die Kabine. Marcel Maltritz brachte die Bochum wieder mit 2:1 in Führung. Ein paar Kilometer weiter hielt Schalke gegen eine überragende kämpfende Dortmunder Borussia ein 0:0, aber nicht mehr lange: Kurz vor der Pause gelang Alex Frei das 1:0 für Dortmund.

Obwohl Bremen mittlerweile den Ausgleich erzielt hatte sprachen die Zwischenstände alle für Schalke 04. In den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit fanden die Stuttgarter kein Mittel gegen die Bochum Defensive, was Trainer Armin Veh dazu veranlasste den gerade wiedergenesenen Mario Gomez, ohne Spielpraxis, aufs Feld zu schicken. Exakt 7 Minuten Spielpraxis brauchte Gomez, um das 2:2 für seinen VfB in Bochum zu erzielen. Fast zeitgleich ging Frankfurt in Bremen erneut in Führung.

Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch zwischen dem VfL Bochum und dem VfB Stuttgart, mit dem glücklicheren Ende für die Schwaben: Cacau erzielte in der 73.Minute das 3:2 für Stuttgart. Obwohl sich Bochum nicht geschlagen geben wollte, brachte der VfB den Sieg nach Hause, versüßt durch die Heimniederlage von Bremen, welche Werders Ausscheiden aus dem Meisterschaftsrennen besiegelte.

Nun richteten sich alle Blicke nach Dortmund: Konnte Schalke sich noch einmal in das Derby zurückkämpfen? Ein weiteres Tor sollte noch fallen im Signal-Iduna-Park: Der polnische Nationalspieler Ebi Smolarek machte in der 85.Minute das 2:0 für die Gastgeber und schoss damit den VfB Stuttgart endgültig an die Tabellenspitze.

Zwei Endspiele um zwei Titel

Am 34.Spieltag war Energie Cottbus Gegner des VfB, eine Mannschaft die auswärts bereits einige Punkte sammelte und dabei durch robuste und extrem defensive Spielweise auffiel. Und genau das, was gegen ein solches Team niemals passieren sollte, war plötzlich der Fall: Stuttgart geriet in der ersten Hälfte mit 0:1 in Rückstand. Die Mannschaft war geschockt, denn normalerweise gibt es nur drei Dinge, die gegen ein gutes Abwehrbollwerk helfen, wenn man zurückliegt: Glück, eine Einzelaktion oder ein schnelles Tor kurz nach dem Gegentreffer. Stuttgart hatte alles drei in einer Aktion: Nur 7 Minuten nach der Führung der Gäste nahm Thomas Hitzlsperger eine Ecke von Pavel Pardo volley und nagelte den Ball aus zwanzig Metern ins Tor zum 1:1. Mit diesem Spielstand ging es in die Pause.

In der Pause brachte Armin Veh erneut Mario Gomez, diesmal für Rechtsverteidiger Osorio. Die Botschaft an die Mannschaft war klar: Das Tor muss fallen. Und das Tor fiel: In der 63. Minute verwandelte Sami Khedira eine Flanke von da Silva mit dem Kopf zum 2:1. Stuttgart war in diesem Moment die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen. Mit unglaublichen acht Siegen in Folge sicherte sich die Mannschaft von Armin Veh mit diesem Tor den verdienten Titelgewinn.

Ausgerechnet Nürnberg

Im Pokalfinale von Berlin wartete der 1.FC Nürnberg als letzte Hürde auf dem Weg zum Double – eine Team, gegen das die Stuttgart in der Saison beide Spiele verloren und 1:7 Tore kassierten. Noch euphorisiert vom Triumph der Vorwoche machte der überragende Cacau das 1:0 für den deutschen Meister, doch auch auf der anderen Seite gab es eine schöne Geschichte zu erzählen. Der lange verletzte Marek Mintal hatte sich zurück in die erste Mannschaft des Clubs gespielt – und erzielte den Ausgleich.

Doch das Gegentor war nur der Beginn zu pechschwarzen fünf Minuten für den VfB: Zunächst ließ sich der bis dahin beste Mann auf dem Platz, Cacau, zu einer Tätlichkeit hinreißen und sah dafür die rote Karte. Wieder nur wenig später trat Abwehrchef Fernando Meira den eben erwähnten Mintal mit einem brutalen Einsteigen zurück ins Krankenhaus. Eine Aktion, die den VfB und den Portugiesen viele Sympathien kostete, auch die der neutralen Zuschauer im Berliner Olympiastadion.

In Unterzahl gerieten die Stuttgarter nach der Pause in Rückstand, konnten aber durch einen von Pardo verwandelten Elfmeter (80.) zumindest die Verlängerung erzwingen. Ein absolutes Traumtor von Jan Kristiansen in der 109.Minute beendete die Stuttgarter Träume danach jedoch endgültig.

Die Zeit danach – die gleichen Fehler wie vorher

Wie schon in der Zeit nach dem Erfolg unter Felix Magath begingen die Stuttgarter nach der Erfolgssaison 2006/2007 die gleichen Fehler wie zuvor: Eine intakte Mannschaft wurde durch Profis mit zweifelhaftem Charakter und mangelndem Einsatzwillen ergänzt (Ewerthon, Simak, Bastürk, Marica) und konnte nicht mehr an die Erfolge anknüpfen. Wenn die meisten Fehler tatsächlich im Erfolg gemacht werden, so ist der VfB Stuttgart sicherlich ein Musterbeispiel dafür.

Dennoch bleibt die positive Erinnerung an die Stuttgarter Mannschaft, die mit jungen Spielern wie Gomez, Khedira, Tasci und Hilbert aus dem Nichts die Meisterschaft gewann und das Finale des DFB-Pokals erreichte.

Sag' doch auch mal was!

Deine Meinung zählt!

Wer ist der bessere Trainer?


zum Ergebnis

Loading ... Loading ...

Neuer Kram

Jede Mannschaft agiert in jeder Situation mit mindestens sechs Feldspielern hinter dem Ball. Man könnte auch eine Kartoffel beobachten und warten, dass sie sich in einen Drachen verwandelt…

Im Halbfinale der WM schlachtet die deutsche Mannschaft total überforderte Brasilianer erbarmungslos mit 7:1. Dabei gelingen dem Team von Joachim Löw 5 Tore in der ersten halben Stunde des Spiels…

Archivkram

Eine deutsche Mannschaft scheidet aus einem internationalen Wettbewerb aus, ein Bundesligatrainer wird entlassen. Zu solchen Anlässen verfasst einer unserer Sechser einen Abschiedsbrief. Felix wendet sich heute an Klaus Allofs, der nach 13 erfolgreichen Jahren Werder Bremen den Rücken kehrt…

Das Jahresende naht – Zeit für Geschenke, Rückblicke und Auszeichnungen. Wir haben 12 Preise vorbereitet, die wir dieses Jahr an Vereine und Spieler der Bundesliga verteilen werden. Wir suchen das beste Pärchen und den geilsten Typ in der Disko!

Das Beste aus unseren Live-Blogs

"Arjen Robben zieht das erste Mal ab, obwohl ein Pass besser gewesen wäre. Im Moment läuft alles richtig." > Deutschland - Niederlande
More in > Bundesliga, Der Rückpass (345 of 419 articles)