Der Rückpass: Werder Bremen 2003/2004 (Teil 1)

19. Oktober 2011Felix> Bundesliga, Der Rückpass

Willkommen zum doppel-sechs Rückpass! In dieser Kolumne dürfen manche in Erinnerung schwelgen und andere eine kleine Geschichtsstunde erfahren: Im Rückpass beschäftigen wir uns mit besonderen Teams der Vergangenheit: Wie konnte aus einem mittelmäßigen Verein ein UEFA-Cup Sieger und einem Aufsteiger der deutsche Meister werden? In dieser Kolumne erklären wir die erfolgreichsten Bundesligateams vergangener Saisons und geben euch eine Chance, die aufregendsten Spielzeiten eurer und anderer Mannschaften noch einmal mit zu erleben!

 

In der heutigen Ausgabe widmen wir uns dem Team von Werder Bremen aus der Saison 2003/2004 – Die Werderaner gewannen in dieser Spielzeit die Meisterschaft und den Pokal  und stellten den gefährlichsten Torschützenkönig des letzten Jahrzehnts.

Alles begann in Pasching

Die Mannschaft von Werder Bremen wurde im Frühling 1999 von Trainer Thomas Schaaf in höchster Abstiegsnot übernommen: Schaaf rettete die Mannschaft vor dem Abstieg und gewann mit dem Team überraschend den DFB-Pokal. In den folgenden Jahren entwickelte sich Werder zu einer der unbeständigsten Mannschaften der Bundesliga: Dem Team gelang es Jahr um Jahr eine überragende Hinrunde und eine miserable Rückrunde zu spielen, oder umgekehrt. Durch diese Wechselhaftigkeit war der Platz im Tabellenmittelfeld fest gebucht. Immerhin reichte das Abschneiden 2002/2003 für einen Start im ungeliebten UI-Cup, an dessen Ende immerhin ein Startplatz im UEFA-Pokal, dem Vorgänger der heutigen Europaleague, winkte. Im Halbfinale dieses Wettbewerbs trafen die Bremer auf den österreichischen Klub SV Pasching. Im Spiel präsentierte Thomas Schaaf eine neue taktische Variante: Ein 4-4-2 System mit einer Raute im Mittelfeld – Ein Abräumer vor der Viererkette, zwei Flügelspieler, die häufig ins Zentrum rückten und davor ein klassischer Spielmacher. Werder verlor das Spiel mit 0:4 – was Thomas Schaaf dazu veranlasste zwei Änderungen im, aber keine Veränderung am System vorzunehmen.

Beim ersten Bundesligaspiel in Berlin stand statt Pascal Borel der neu verpflichtete Andreas Reinke im Tor – damals schon ein Routinier, der eigentlich als erfahrener Ersatzmann vorgesehen war. Und Frank Baumann rückte aus der Innenverteidigung vor die Abwehr, wo der unbewegliche Tim Borowski keine gute Figur gemacht hatte. Seinen Platz in der Viererkette nahm der zweite wichtige Neuzugang ein: Valerien Ismael, der sich schnell in die Rolle des Abwehrchefs einfand. Die Hertha wurde 3:0 geschlagen. Erstmals in der Bundesliga präsentierte Werder in diesem Spiel eine neue Farbe: Zu dem klassischen Grün-Weißen Outfit kamen nun grell leuchtende orangene Ärmel. Ein Markenzeichen dieser Saison, dass die Werderfans noch viele Jahre begleiten (und verärgern) sollte.

 

Ein revolutionäres System und überragende Einzelspieler

Die Werder-Raute sollte in den nächsten Jahren von vielen anderen Vereinen kopiert werden – mit wechselndem Erfolg. Es war viel weniger ein Erfolg eines Spielsystems, sondern vor allem seiner Spieler, die Ideal in das taktische Schema passten: Die Viererkette wurde meistens gebildet von Rechtsverteidiger Ümit Davala, der seine Rolle sehr offensiv auslegte und Christian Schulz auf links, der die Position konservativer interpretierte. In der Innenverteidigung bildeten die körperlich Starken Valerien Ismael und Mladen Krstajic ein Bollwerk. Für die damalige Zeit noch ungewöhnlich achtete Schaaf darauf, dass ein Rechtsfuß und ein Linksfuß das Gespann bildeten. Ideal für die eigene Spieleröffnung. Vor der Abwehr glänzte Kapitän Frank Baumann durch Spielübersicht und einem risikoarmen Spielaufbau.

Die beiden Halbpositionen im Mittelfeld mussten mit Spielern ausgefüllt werden, die ausreichend Luft für 90 Minuten Tempo hatten: Sie mussten sowohl im Zentrum, als auch auf den Flügeln präsent sein und je nach Ballbesitz  in Offensive oder Defensive eingegliedert werden. Der Ungar Krisztian Lisztes passte sehr gut in dieses Muster, und spielte wie sein Konterpart Fabian Ernst die beste Saison seines Lebens. Lisztes, ein guter Techniker, konnte Bälle verschleppen oder das Spiel durch plötzlich Dribblings schnell machen, Ernst glänzte in dieser Spielzeit als überragender Passspieler und bereitete etliche Tore vor. Der Spielmacher war Johan Micoud, ein körperlich starker und technisch versierter Franzose, dessen Spielweise und Körperstatur stark an Zinedine Zidane erinnerte (nur halt alles eine Klasse schlechter), der taktische Freiheiten genoss, da Ernst und Lisztes hinten aufpassten, wenn es brannte.

Das Sturmduo dieser Saison gehört zu den besten, das die Bundesliga je gesehen hat: Ailton und Ivan Klasnic. Ailton, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, erzielte in der Bundesliga 28 Tore und wurde Torschützenkönig. Antrittsstark, schnell und eiskalt vor dem Tor machten Ailton zu einem der perfektesten Konterstürmer der Geschichte der Liga, aber auch ein guter Torriecher verhalf dem Brasilianer zu einigen Abstaubern. Sein Partner Ivan Klasnic war körperlich robust, hatte ein gutes Augen für seinen Mitspieler und eine gute Schusstechnik. Dazu war der junge Paraguayer Nelson Valdez eine gelungene Ergänzung, der immer Torgefahr ausstrahlte, wenn er kam.

Es ist auffällig, das man die Mannschaft so präzise beschreiben kann. Tatsächlich muss in jedem Mannschaftsteil nur eine Ergänzung wirklich erwähnt werden: Paul Stalteri, ein kanadischer Außenverteidiger, der wechselweise links und rechts für Ümit oder Schulz einsprang und damit auf 33 Saisonspiele kam.  Im Mittelfeld war es Tim Borowski, der auf beiden Halbpositionen zum Einsatz kam und so 25 Spiele bestritt. Der vierte Stürmer war Angelos Charisteas, der in seinen 24 Spielen meistens von der Bank aus kam, dabei aber 4 Tore erzielte. Sein großer Auftritt sollte bei der anschließenden Europameisterschaft in Portugal folgen, wo er als Stammspieler wichtige Tore für Griechenland erzielte, unter anderem den Siegtreffer im Finale gegen den Gastgeber.

Die Tatsache, das fast immer die erste Elf auflaufen konnte, ist auch der hohen Niederlage in Pasching geschuldet: Eine mögliche Belastung durch den Europapokal fiel weg, und die Bremer Spieler konnten sich in der Regel im Wochenrhythmus erholen.

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Weisheit 21 aus unserem Adventskalender:  “Ich schmunzle immer beim Fußball, denn Fußball macht Spaß.” (Jörg Stiel)

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Nie schlechter als Platz Vier

Dem Auftakterfolg in Berlin sollten 7 weitere Punkte aus den ersten vier Spielen hinzukommen, herrausragend dabei sicherlich der 4:1 Heimerfolg gegen die von Jupp Heynckes trainierten Schalker.  Anschließend wurde in der ersten DFB-Pokalrunde der Amateurverein Ludwigsfelder FC mit 9:1 überrollt.  Am 5.Spieltag gab es den ersten Dämpfer: Durch ein unglückliches Eigentor von Valerien Ismael unterlagen sie im Westfalenstadion von Borussia Dortmund. Doch schon drei Spieltage (und drei Siege) später war es soweit: Durch ein furioses 5:3 im Heimspiel gegen den VfL  Wolfsburg, bei welchem es bereits in der 65.Minute Ailtons Treffer zum Endstand gab, setzte sich Werder erstmals mit Aussagekraft an die Spitze, punktgleich mit Bayer Leverkusen und dem bis dahin gegentorlosen VfB Stuttgart.

Am 9.Spieltag kam es im Weserstadion zum Spitzenspiel zwischen Werder und den Schwaben. Trotz eines Platzverweises und eines verschossenen Elfmeters gelang es dem VfB, sich mit einem Sieg die Tabellenspitze zu sichern. Erwähnenswert bleibt das Tor von Angelos Charisteas, der mit seinem Treffer zum 1:2 die Serie von 884 Minuten ohne Gegentor von Stuttgarts Keeper Timo Hildebrand beenden konnte. Hildebrands Rekord ist bis heute ungebrochen. Angesichts der 1:3 Niederlage wurde dies jedoch zu einer Randnotiz.

Die folgenden fünf Spiele konnten jedoch allesamt siegreich bestritten werden – eines davon im Pokal, wo erneut der VfL Wolfsburg ein packenden Kampf bot, sich aber in der Verlängerung geschlagen geben musste. In der Liga lief Werders Torfabrik mächtig an: In den eben genannten vier Spielen erzielte das Team 15 Treffer, darunter ein 5:1 Sieg in Hannover und abschließend ein 3:1 im Heimspiel gegen Bochum, bei dem Ailton alle drei Treffer für Werder erzielte. In den folgenden Wochen sollte es Ernst werden: Das Derby gegen Hamburg, das Pokalachtelfinale gegen Berlin und das wichtige Spiel gegen Bayern München standen an.

Hamburg konnte den Bremer erstmals wieder Punkte abnehmen, am Ende stand es 1:1. Hertha BSC war wie schon zu Saisonbeginn ein dankbares Opfer und bekam eine 6:1-Packung mit auf den Weg in die Hauptstadt. Und gegen Bayern ging Werder durch einen von Ailton verwandelten Elfmeter mit 1:0 in Führung, bekam aber 12 Minuten vor dem Ende den Ausgleich durch den Ex-Bremer Pizarro.  Bremen war nach dem Spiel Zweiter – mit 2 Punkten Rückstand auf den ungeschlagenen VfB Stuttgart mit Trainer Felix Magath.

Am darauffolgenden Spieltag gewann Werder mit 3:1 gegen den Tabellennachbarn aus Leverkusen – was durch Stuttgarts 0:1 Niederlage in München gegen den FC Bayern die Tabellenführung bedeutete. Und der 3:0 Sieg gegen Hansa Rostock am 17.Spieltag sicherte sogar einen Vorsprung von 4 Punkten – die Schwaben verloren ihr Heimspiel gegen Leverkusen mit 2:3.

 

Die Diva von der Weser – trotz großem Vorsprung kein Favorit

Dennoch galt Werder Bremen nicht unbedingt als Favorit auf die Meisterschaft. In der Hinrunde konnten zwar 39 Punkte gesammelt werden (Bayer, Bayern und Stuttgart als Verfolger hatten je 35), dennoch war die Erinnerung an die wechselhaften Vorstellungen der Bremer zwischen Hin- und Rückrunde noch frisch: Nicht wenige erwarteten einen Einbruch der Mannschaft in der zweiten Halbserie. Das erste Heimspiel der Rückrunde gegen Hertha BSC – mit ihrem neuen Trainer Hans Meyer – sollte zum Prüfstein werden.

 

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