Die nächste Entwicklungsstufe

14. November 2012Felix> Bundesliga

Viele Experten, Funktionäre und Trainer, unter ihnen prominente Namen wie Ralf Rangnick, beklagten sich nach der letzten Europameisterschaft. Über die mangelnde taktische Weiterentwicklung. Dabei war sie da – doch sie wurde übersehen.

Wenn man an außergewöhnliche Formationen der letzten WM denkt, fällt einem zunächst die Italienische Elf ein, die durch zwei Dinge für Aufsehen sorgte. Zum einen kehrte im ersten Gruppenspiel gegen Spanien der Libero zurück auf die europäische Fußballbühne – um nach dem folgenden 1:1 gegen Kroatien gleich wieder in der Mottenkiste zu verschwinden. Zum anderen spielten die Italiener mit zwei echten Sturmspitzen. Ein Konzept, dass zumindest die deutsche Mannschaft völlig überforderte.

4-2-3-1. In diesem System laufen die meisten Bundesligisten auf.

Beide Stilmittel stellen jedoch keine Evolution dar, sondern eine Revolution: Der italienische Trainer Cesare Prandelli besann sich auf Stilmittel zurück, die seit zwei Jahren aus dem internationalen Fußball verschwunden sind. Und erhielt erst im Finale eine brutale Quittung dafür, als sein Team gegen Spanien mit 0:4 unter die Räder kam. Dennoch gab es eine Evolution, die allerdings kaum Beachtung fand und ihr Vater ist der portugiesische Trainer Paulo Bento.

Bento nahm das übliche 4-2-3-1 dieser Tage und optimierte es für sein Team, in dem er das Dreieck aus zwei Sechsern und einem Spielmacher im Mittelfeld nahm und es umdrehte: Mit einem reinem Defensivspieler vor der Abwehr (diese Rolle übernahm zumeist Miguel Veloso) und zwei zentralen Mittelfeldspielern davor, die sowohl offensiv Akzente setzen können, aber hauptsächlich Defensivarbeit verrichten müssen. Durch diese verstärkte Zentrale können die offensiven Flügelspieler bei eigenem Ballbesitz freier agieren – Ideal für Cristiano Ronaldo – und lassen sich bei gegnerischem Ballbesitz auf eine Höhe mit den zentralen Mittelfeldspielern fallen.

Von der Europameisterschaft in die Bundesliga

So entsteht offensiv ein schwer berechenbares 4-3-3, bei dem der ballführende Spieler zahlreiche Anspielstationen hat. Und bei gegnerischen Ballbesitz eine schwer überwindbare Vierer- oder Fünferkette im Mittelfeld, die bereits weit vor der eigentliche Abwehr gegnerische Angriffe verhindern kann. Wie schwer es ist, gegen solch ein Netzwerk anzukommen, mussten die Bayern im Heimspiel gegen Leverkusen erfahren. Denn Bayer ist eines von drei Bundesligateams, welches das 4-3-3 nach Vorbild von Paulo Bento bereits umsetzen.

In diesem 4-3-3 agieren Bremen, Leverkusen und Stuttgart.

Interessant ist dabei weniger die Viererabwehrkette, die bereits seit 10 Jahren ein unverrückbarer Bestandteil des internationalen Fußballs ist. Interessanter sind die zwei Halbpositionen im Mittelfeld, die hohe Ansprüche an die eingesetzten Spieler stellen: Hier kommen Spieler zum Einsatz, die sowohl zweikampfstark sind und über eine gutes Stellungsspiel verfügen, aber auch technisch nicht schlecht sein dürfen. In Leverkusen fallen Lars Bender, Hajime Hosogai, Simon Rolfes und Gonzalo Castro in diese Kategorie. Der zentrale Spieler agiert häufig als klassischer Abräumer, was bei Bayer eine Rolle für Stefan Reinartz oder ebenfalls Simon Rolfes ist.

Neben dem Leverkusener Trainerduo Hyypiä und Lewandowski haben zwei weitere Trainer das 4-3-3 portugiesischer Prägung in den deutschen Fußball importiert: Bruno Labbadia und Thomas Schaaf, beide mit ihren Eigenarten. In Bremen fehlt ein körperlich starker Mittelfeldspieler als zentraler Sechser vor der Abwehr. Deshalb spielt dort oft Zlatko Junuzovic, der wesentlich häufiger offensiv in Erscheinung tritt als seine Kollegen in Leverkusen oder in Stuttgart, wo William Kvist diese Rolle übernimmt. Als Alternative für diese Position kommt Philipp Bargfrede in Frage, der allerdings auch nicht die überragende Physis anderer Spieler mitbringt.

In Stuttgart lässt Bruno Labbadia auf den Halbpositionen Spieler auflaufen, die in der Defensive vor allem durch ihre körperliche Überlegenheit bestechen: Christian Gentner und Raphael Holzhäuser sind beide weit über 1,80 m groß und damit ein Grund, warum der VfB seit der Systemumstellung kaum Gegentore hinnehmen musste. Und zusätzlich ein Grund, warum Tamas Hajnal aus der Mannschaft geflogen ist: Der Ungar ist für die zentrale Position körperlich nicht stark genug und für die Außenpositionen, die beim VfB Martin Harnik und Ibrahima Traore einnehmen, zu langsam.

Womit wir bei den Außenstürmern angekommen wären, die innerhalb dieses Systems wesentlich mehr Defensivaufgaben erfüllen müssen. Am deutlichsten wird dies in Leverkusen, wo Gonzalo Castro regelmäßig als rechter Flügelstürmer aufläuft. Castro, der defensiv so gut geschult ist, dass er auch als Außenverteidiger auflaufen kann, ist bei gegnerischem Ballbesitz häufig ein rechter Mittelfeldspieler. Ähnlich ist es in Stuttgart, wo mit Ibrahima Traore ein Mittelfeldspieler auf der linken Seite zum Einsatz kommt. Auch bei Bremen lassen sich Arnautovic und Elia tief fallen, wobei vor allem Arnautovic durch seine körperliche Stärke Bälle gewinnen kann. Im Sturm wartet meist ein klassischer Mittelstürmer, der mal besser (Ibisevic) und mal weniger (Kießling und Petersen) gut mit dem Ball umgehen kann.

Ohne Ball stabiler und konterstark

Das 4-2-3-1 bei gegnerischem Ballbesitz. Die Flügelspieler ziehen sich zurück, Spielmacher und Stürmer stören den Gegner.

Ein interessanter Aspekt ist zudem die Raumaufteilung bei gegnerischem Ballbesitz. Im nach wie vor sehr häufigen 4-2-3-1 lassen sich die Flügelspieler häufig auf eine Linie mit der Doppelsechs zurückfallen und bilden dadurch eine Viererkette vor der Abwehr. Davor spielen der zentrale Mittelfeldspieler und der Stürmer auf einer Linie und versuchen, gegnerische Angriffe bereits im Aufbau zu stören. Bei einem Ballgewinn in dieser Phase bietet sich für beide Spieler jeweils nur der andere als Anspielstation an.

Im portugiesischen 4-3-3 bilden sich zwei Viererketten mit einem Ausputzer dazwischen.

Im 4-3-3 lassen sich die Außenstürmer auf eine Linie mit den zentralen Mittelfeldspielern zurückfallen, stehen aber wesentlich höher im Feld als im anderen System. Grund dafür ist der Sechser, der dann als Ausputzer zwischen den beiden Viererketten agiert. Somit bleibt nur der Stürmer übrig, um Querpässe des gegnerischen Teams früh abzufangen. Gelingt ihm dies jedoch, hat er umgehend vier Anspielstationen, weil die erste Viererkette deutlich näher ist als im 4-2-3-1.

Der große Nachteil des portugiesischen 4-3-3 ist, dass es vor allen von den Außenstürmern und zentralen Mittelfeldspielern, eine hohe taktische Disziplin und Laufbereitschaft erfordert. Bei einem Ballverlust müssen sich alle sofort zurückziehen, sonst sieht sich der einzige Sechser schnell eine Überzahl gegnerischer Angreifer ausgesetzt. Sehr schön wurde dies vom VfB Stuttgart veranschaulicht, der in der zweiten Halbzeit gegen Hannover enorme Probleme bekam und 4 Tore kassierte.

Letztlich bietet das 4-3-3 den Vorteil einer kompakteren Defensive, schnellen Konterns und einem flexibleren Offensivspiel. Dies jedoch nur, wenn die zwei zentralen Mittelfeldspieler ihre taktisch anspruchsvolle Aufgabe vor dem Sechser lösen können und die Mannschaft bereit ist, in jedem Spiel einen enormen Kraftaufwand zu betreiben.

 

1 comment zu “Die nächste Entwicklungsstufe”

  1. Jugendtrainer · 15. November 2012 Antworten

    Servus Zusammen,

    sehr gut geschriebener Artikel und trifft die Sache ganz gut. Was mich nur immer ein bißchen stört, ist die Sache das immer von ein System geredet wird. Es gibt halt ein Offensives System 4-3-3 und es gibt halt ein Defensives 4-1-4-1… Das wäre z.b. genau so als wenn man den Dortmunder vorwirft im 4-2-3-1 zu verteidigen, dem ist ja auch nicht so……

    Ansonsten gute HP, weiter so !

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