Ein Jahr mit Pep

26. Mai 2014Felix> Bundesliga, Analyse

Josip Guardiola hat seine erste Saison als Trainer des FC Bayern München hinter sich. In dieser Zeit entwickelte sich seine Mannschaft erst weiter und schließlich wieder zurück. Auch der Trainer erlebte eine Achterbahnfahrt, die für ihn im Himmel der deutschen Medien begann und in der Polemikhölle endete. Eine Betrachtung der Bayernsaison 2013/2014 mit Blick auf den Coach.

Die Euphorie war groß, als sich der neue Trainer des FC Bayern zu Beginn der vergangenen Saison den Medien vorstellte. Direkt wusste der Katalane zu überraschen, indem er die versammelten Journalisten an der Säbener Straße nicht etwa in seiner Muttersprache oder Englisch begrüßte – sondern in sehr ambitioniertem, aber leicht holprigen Deutsch.

Es passt zur Saison des Pep Guardiola, dass ihm die bundesweite Medienlandschaft mit totaler Überhöhung begegnen sollte – von einem fabelhaften Auftritt in perfektem Deutsch ist die Rede gewesen. Eine Schilderung, genauso weit von der Realität entfernt wie die unberechtigte und überzogene Kritik, die nach dem Champions League Aus des FC Bayern kübelweise über dem Spanier ausgegossen wurde.

Aber der Reihe nach – zunächst sind wir am Beginn einer Saison angekommen, die Guardiola in eine denkbar ungünstige Ausgangsposition brachte. Seine Mannschaft hatte mit Vorgänger Jupp Heynckes nicht nur das Triple geholt, sondern mit 16 Siegen und 1 Unentschieden auch noch das beste Halbjahr gespielt, das einem Bundesligisten je gelungen war. Es ist unmöglich, ein besseres Ergebnis zu erzielen. Bayern startete holprig in die Saison, der Meister quälte sich durch die ersten Partien. Die Bilanz mit sieben Siegen und einem Remis aus den ersten acht Spielen spricht eine andere Sprache, aber das Spiel der Bayern hatte nichts von Glanz und Leichtigkeit, die Mannschaft und Trainer zuvor auszeichnete.

 

Thiago bringt die Wende

Die Wende kam am 8.Spieltag, als Bayern endlich am BVB vorbeigezogen war und wieder an der Tabellenspitze stand. In dieser Phase kam ein Spieler in die Mannschaft, den Guardiola sich sehnlichst gewünscht hatte. Quasi als Antrittsgeschenk für den neuen Trainer verpflichteten die Bayern Thiago Alcantara vom FC Barcelona. Der hatte zwar noch nicht den großen Namen seiner Vereinskameraden Xavi und Iniesta, aber deren Talente in Passspiel und Spielübersicht. Und war 10 Jahre jünger.

Mit Thiago kam eine neue Qualität ins Bayernspiel – vor allen Dingen deshalb, weil der Spanier das System Guardiola bereits von seinem Ex-Verein kannte. Er wusste, dass man auch Rückpässe mit viel Druck spielen musste, dass der Ball sofort weiter laufen muss und der Spieler, der ihn abgespielt hat, ebenfalls. Die Bayern, die besonders mit diesen Dingen in den ersten Spieltagen arge Probleme hatten, wurden plötzlich zu der unbezwingbaren Maschine, die bereits am 17.Spieltag Meister wurde und am 27. auch als solcher feststand.

 

Die Stimmung kippt

Im Spiel nach der gewonnen Meisterschaft, einem 3:3 gegen Hoffenheim, muss Thiago Alcantara in der 25.Minute verletzt das Spielfeld verlassen. Ein Schlag, der die Bayern zusammen mit anderen Dingen hart treffen sollte. Außer ihrem Taktgeber fehlte der Mannschaft nach der Titelverteidigung in der Bundesliga ein wichtiger psychologischer Effekt, der zu den Erfolgsgeheimnissen des Vorjahres zählte: Der unbedingte Wille, jedes Spiel gewinnen zu wollen.

Unbewusst glitten die Bayern in alte Muster zurück und kamen, ohne zu überzeugen, im Champions League Viertelfinale gegen Manchester eine Runde weiter. Im Rückspiel hatten die Bayern Glück und Pech zur gleichen Zeit: Unmittelbar nach dem Führungstreffer der Gäste durch Evra gelang Mandzukic der Ausgleich mit einem Kopfballtreffer. Eine Szene, die im Halbfinale gegen Real Madrid zu einem Problem werden sollte, denn statt die Spanier mit flüssigen Kombinationen aus der Reserve zu locken, schlugen die Bayern in beiden Spielen zu viele Flanken auf ihren kroatischen Mittelstürmer. Der gegen Reals Innenverteidiger Pepe und Sergio Ramos keine Chance hatte.

 

Guardiola in der Kritik

Die Bayern flogen mit 0:5 Toren gegen den späteren Champions League Sieger aus dem Wettbewerb. In den Wochen vorher hatte sich die einst positive Stimmung gegen Josip Guardiola bereits in leises Murren verwandelt, nun war endlich der Zeitpunkt loszuschlagen. Im großen Stil gingen Boulevard und Fachpresse Hand in Hand auf den Spanier los. Seine Vorstellung von Ballbesitzfußball sei ineffizient und langweilig, seine Rotation in der Meisterschaft hätte der Mannschaft den Rhythmus genommen, so die häufigsten Vorwürfe.

Dabei übersahen die meisten Artikel geflissentlich, dass auch Jupp Heynckes in der Vorsaison nach gewonnener Meisterschaft seine Stammspieler schonte. Noch absurder war der Vorwurf, die Bayern seien ausgeschieden, weil Guardiolas System schlecht oder überholt sei. Die Bayern schieden gegen Madrid nicht aus, weil sie Peps Vorstellungen umsetzten, sondern weil sie es nicht taten. Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger waren im Spielaufbau viel zu statisch und blieben nach ihren Abspielen häufig stehen. Es war keine Dynamik im Bayernspiel zu erkennen. In den Spielen gegen Real waren plötzlich nicht mehr die überragenden Bayern der Monate zuvor auf dem Platz, sondern jene Truppe, die 2012 gegen Dortmund und Chelsea durch schablonenhaften Angriffsfußball alle Titel verzockte.

Den Ball endlos quer zu schieben und schließlich auf eine Einzelaktion von Robben oder Ribery zu hoffen, war in erster Linie das Spiel von van Gaal und Heynckes. Dass die Mannschaft angesichts eines starken Gegners in etwas zurückfällt, was sie zuvor 4 Jahre lang spielte, ist nachvollziehbar. Aber weder das, noch die verzweifelten Flanken auf Mandzukic, sind die Handschrift von Guardiola. Dass Pep trotzdem nach dem Spiel öffentlich den Sündenbock gab und einen „Big Riesenfehler“ eingestand, um seine Mannschaft in Schutz zu nehmen, muss man ihm hoch anrechnen.

 

Die Wende in Berlin

Die letzten Wochen der Saison sorgten dafür, dass Bayern nicht mehr als Favorit in das Pokalfinale von Berlin ging. Und in dieser Situation zeigte Guardiola, warum die Bayern ihn als Ausnahmetrainer verpflichteten. Um dem stagnierenden Spiel seiner Mannschaft neues Leben einzuhauchen, strich der Trainer Mario Mandzukic aus dem Kader. Auch wenn es atmosphärische Gründe für diesen Schritt gegeben haben soll, so war es auch taktisch ein Volltreffer. Denn die teilweise sinnlosen hohen Flanken in den Strafraum waren aus dem Bayernspiel verschwunden.

Mit einer taktischen Glanzleistung gewannen die Bayern an diesem Abend den Pokal. Guardiola hatte die Schwächen im sonst rauschartigen Offensivspiel der Dortmunder ausgemacht und genutzt. Sein Plan, jeden Konter der Schwarzgelben durch taktische Fouls zu unterbrechen und im Mittelfeld so viele Spieler aufzustellen, dass Dortmund sich unmöglich hindurch kombinieren konnte, ging voll auf. In 120 Minuten kam der BVB lediglich zu zwei herausgespielten Chancen, der Rest war auf Fehlpässe und Standardsituationen zurückzuführen. Tore fielen dadurch keine.

 

Das Ende der Euphorie

Doch Guardiola scheint die deutsche Presse verloren zu haben. Nach dem Spiel gab es kein Lob für den Coach, höchstens vereinzelt Anerkennung. Stattdessen stürzte man sich auf das nicht gegebene Tor von Mats Hummels (das aus einer Abseitsstellung erzielt wurde). Nach 4 Wochen, in denen es immer größere und kleinere Meldungen gegen den Trainer gab, auch Miniartikel der Marke „Spieler X geht auf Guardiola los“ oder „Spieler Y kritisiert Pep“, deren Basis aus dem zusammenhang gerissene Interviewfetzen bildeten, war wenigstens diese widerliche Art der Kritik vorerst verstummt.

Man darf gespannt sein, was passiert, wenn die Bayern eine Mannschaft aufs Feld schicken können, die für das System das Spaniers, nicht das seiner Vorgänger, zusammengestellt wurde. Man darf erwarten, dass Thiago Alcantara darin einer der wichtigsten Spieler sein wird, schließlich sollte er schon in Barcelona Xavis Nachfolger werden. Und man darf gespannt sein, wie die deutsche Medienlandschaft es verarbeiten wird. Pep Guardiola wird darauf vorbereitet sein. Schließlich hat er in seiner ersten Saison schon alles erlebt.

Sag' doch auch mal was!

Deine Meinung zählt!

Wer wird Weltmeister 2014?


zum Ergebnis

Loading ... Loading ...

Neuer Kram

Jede Mannschaft agiert in jeder Situation mit mindestens sechs Feldspielern hinter dem Ball. Man könnte auch eine Kartoffel beobachten und warten, dass sie sich in einen Drachen verwandelt…

Im Halbfinale der WM schlachtet die deutsche Mannschaft total überforderte Brasilianer erbarmungslos mit 7:1. Dabei gelingen dem Team von Joachim Löw 5 Tore in der ersten halben Stunde des Spiels…

Archivkram

“68.Minute – Tor für Deutschland!
Özil tritt einen Freistoß in den Strafraum, der griechische Torwart rennt irgendwohin, Klose ist mit dem Kopf zu Stelle.”

” Ein Spiel wie der Film “Stolz & Vorurteil”. Man wartet erst eine Stunde, dass etwas passiert und dann eine Stunde, dass es endlich aufhört.”

Das Beste aus unseren Live-Blogs

"Bruma zeigt allen, wie toll er mit dem Ball umgehen kann. Am eigenen Strafraum. Toll. Nachdem er drei Frankfurter hat doof aussehen lassen, bolzt er den Ball ins Aus. Ganz toll." > Frankfurt - Hamburg
More in > Bundesliga, Analyse (4 of 418 articles)