Tsingtau Bier und Didier Drogba

21. November 2012FelixBlogs

Unser Autor Felix verweilte dieses Jahr in China, aber auch dort kam er vom Fußball nicht ganz los: An einem Freitagabend besuchte er das Erstligaspiel zwischen Shanghai Shenhua und Henan Jianye. Und berichtet hier von seinen Erlebnissen.

Fußball in China: Eine neue Erfahrung in diesem großen, mächtigen und doch für viele befremdlichen Land. Eine halbe Stunde vor Beginn sind wir am Stadion. Doch schon bald gibt es die erste Überraschung: Bereits um 19:40 Uhr, nicht wie geplant um 20:00 Uhr, betreten die Spieler den Rasen und stellen sich in zwei Reihen auf. Der Marsch der Freiwilligen, Chinas Nationalhymne, wird gespielt. Einige Spieler und wenige Zuschauer im halbgefüllten Hongkou Stadion singen mit. Anschließend geht es los – eine Viertelstunde vor der offiziellen Anstoßzeit.

Die Gäste aus Henan spielen gegen den Abstieg und müssen unbedingt punkten. Shanghai steckt 5 Spieltage vor dem Ende der Saison hoffnungslos im Mittelfeld fest, hat aber einen neuen Star, der die Massen ins Stadion lockt: Didier Drogba. Gut die Hälfte aller Trikots der Heimfans ist mit seiner Rückennummer 11 beflockt. Drogba steht im Sturmzentrum und wird von Nicolas Anelka und dem Australier Joel Griffiths flankiert, welche mit Abstand die besten Fußballer auf dem Platz sind.

Drogba ist sehr engagiert, stellt seine Mitspieler richtig hin, feuert sie an und gibt selbst eine „falsche Neun“, taucht also trotz seiner Rolle als Mittelstürmer ständig als Spielmacher in Erscheinung. Einer großartigen Aktion des Ivorers folgt auch das 1:0 für die Heimmannschaft: Drogba lupft den Ball über 15 Meter in den Strafraum, wo ihn ein chinesischer Mitspieler volley unter die Latte nagelt. Anschließend ist kaum noch Tempo im Spiel, es geht mit der knappen Führung für Shanghai in die Pause.

Die Stimmung im Stadion ist gut, die Chinesen gehen voll mit bei dem Spiel, einzig die Fangesänge, chinesisch gesungen zu in Europa geläufigen Melodien, wirken skurril und künstlich. In der zweiten Halbzeit kommt Henan stärker aus der Kabine. Der beste Spieler der Gäste, Stürmer Chris Katongo (der es zwar nicht bis zum MVP des Champions League Finals brachte, aber immerhin 60-mal für Arminia Bielefeld spielen durfte) holt einen Freistoß heraus, dessen Nachschuss im unteren Toreck einschlägt. Das Spiel wird extrem hart droht nun zu Gunsten der Gäste zu kippen.

Letztlich schalten sich aber Drogba, der beste Spieler auf dem Feld, und sein Chelseakumpel Anelka wieder ins Spiel ein und führen ihre Mannschaft zu einem verdienten 2:1-Erfolg. Insgesamt gab es ein Spiel zu sehen, das über weite Strecken gutes Zweitliganiveau hatte und durch die Weltklassespieler Drogba und Anelka deutlich an Unterhaltungswert gewann. Die Genannten glänzten jedoch nicht durch Einzelaktionen, sondern verstanden es prima, ihre limitierten Mitspieler in Szene zu setzen.

Die chinesische Liga hat keinen besonders guten Ruf und steht im Verdacht, ständiger Spielball der Wettpaten in Aus- und Inland zu sein. Merkwürdige Schiedsrichterentscheidung, von denen andere Zuschauer und auch Ex-Profis wie Jörg Albertz berichtet haben, gibt es jedoch nicht. Auffällig ist nur, dass es angesichts der harten Gangart beider Teams, die nicht selten mit gestreckten Beinen und Stollen voran in Zweikämpfe und Gegenspieler hineinsprangen, keine gelben Karten gab. Doch dadurch hat keines der beiden Teams einen Vor- und Nachteil erfahren.

Nach dem Abpfiff bietet sich kein anderes Bild als nach irgendeinem Erstligaspiel irgendwo auf der Welt: Wenige Fans bleiben in der Kurve zurück, um ihre Mannschaft zu feiern. Der Rest drängt nach draußen auf die Parkplätze oder zu der U-Bahn Station, die sich direkt hinter der Haupttribüne befindet. Der Tag endet unspektakulär, aber köstlich: Mit gegrillten Fleischspießen und kühlem Tsingtau Bier in einer Seitengasse unweit des Stadions.

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