Der Rückpass: Schalke 04 2000/2001 (Teil 1)

9. November 2011Felix> Bundesliga, Der Rückpass

Willkommen zum doppel-sechs Rückpass! In dieser Kolumne dürfen manche in Erinnerung schwelgen und andere eine kleine Geschichtsstunde erfahren. Im Rückpass beschäftigen wir uns mit besonderen Teams der Vergangenheit: Wie konnte aus einem mittelmäßigen Verein ein UEFA-Cup Sieger und einem Aufsteiger der deutsche Meister werden? Im Rückpass stellen wir uns diesen Fragen.

In der heutigen Ausgabe widmen wir uns dem Team von Schalke 04 aus der Saison 2000/2001 – Die Schalker holten sich in diesem Jahr zum ersten Mal nach fast 30 Jahren den DFB-Pokal. Und den zweifelhaften Titel „Meister der Herzen“.

Der Malocherverein – 30 Jahre Mittelmaß

1972 besiegte Schalke 04 im Pokalfinale in Hannover den 1.FC Kaiserslautern mit 5:0 und holte damit den letzten nationalen Titel für mehrere Jahrzehnte. Es folgten Abstiege und Aufstiege, es kamen Sonnenkönige und gingen wieder, es wurden Manager entlassen und nach 24 Stunden wieder eingestellt. Erst 1996 wurden die Schalker aus ihrem tiefen Schlaf wieder wachgeküsst – von Rudi Assauer und Jörg Berger, letzterer führte die Mannschaft in jenem Jahr überraschend auf Platz 3.

Ein Jahr später gelang den Schalkern der völlig überraschende Triumph im UEFA-Pokal. Das Geld aus diesem Wettbewerb floss zu gleichen Teilen in die Mannschaft als auch in ein total überholtes Vereinsgelände, das auch mit neuen Trainingsplätzen und einem neuen Stadion ausgestattet wurde. Nach Platz 5 im Jahr 1998 folgten jedoch zwei Jahre im biederen Mittelfeld der Bundesliga: Zehnter und Vierzehnter waren die Platzierungen der Schalker vor der Saison, die heute im Mittelpunkt stehen soll. Nachdem über drei Jahre die Erwartungen hochgeschraubt wurden, war am Ende der Spielzeit 1999/2000 wegen der schlechten Ergebnisse Trainer Huub Stevens kaum noch zu halten. Doch Manager Assauer, der großes Vertrauen in den Niederländer hatte, lenkte durch einen spektakulären Transfer die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf andere Dinge.

Heulsuse statt Kampfschwein

Kurz nach dem Ende der Saison 1999/2000 wurde bekannt, dass Welt- und Europameister Andreas „Heulsuse“ Möller, als Weichei und Schwalbenkönig verschrien und absolute Hassfigur der Schalkerfans, seinen Vertrag in Dortmund nicht verlängern würde, um eine neue, letzte Herausforderung zu suchen. Es war eine große Überraschung, dass diese Herausforderung nur wenige Kilometer nordwestlich von Dortmund lag: Andreas Möller wechselte tatsächlich zu Schalke 04. Das Medienecho war riesengroß und voller Überraschen, Erstaunen und Entsetzen. Wie konnte man das Feindbild der Fans, einen der großen Leistungsträger beim großen Rivalen, nach Schalke holen? Noch dazu einen Spieler, der als weich galt zu Schalke 04, dessen Spiel von Kampf und Laufbereitschaft geprägt war? Während in den Zeitungen diese Fragen diskutiert wurden, konnte Huub Stevens in Ruhe weiterarbeiten.

Es folgten direkte personelle Konsequenzen: Marc Wilmots, das Gesicht des UEFA-Cup Sieges von 1997, empfand es als ungerecht, nachdem er jahrelang für den Verein die Knochen hingehalten hatte, plötzlich Konkurrenz im offensiven Mittelfeld zu bekommen und wechselte nach Frankreich. Die Mannschaft hatte damit endgültig ihre Identität verloren. Auch die anderen Neuzugänge sorgten nicht für Jubelstürme beim Schalker Anhang: Aus Bielefeld kam Jörg Böhme, aus Duisburg der Pole Tomasz Hajto, beide zusammen kosteten etwa 3 Millionen Mark. Wegen der teuren Transfers in den Jahren zuvor (etwa Emile Mpenza, der für 17 Millionen DM aus Lüttich kam) waren keine großen Investitionen möglich: Eine weitere Saison im Mittelmaß stand bevor.

Dreierkette hinten, offensives Dreieck vorne und Jiri Nemec dazwischen

Huub Stevens rückte von seinem bisherigen 3-5-2 System mit Libero in diesem Jahr ab: Häufiger standen hinten drei Spieler auf einer Linie, davor spielten zwei Sechser als Ausputzer vor der Abwehr. Die Außenbahnen wurden von jeweils nur einem Spieler bearbeitet. Die Offensive bestand aus dem neuen Spielmacher Möller und zwei Stürmern. Als Rückhalt im Tor spielte der zwei Jahr zuvor als Nachfolger von Jens Lehmann verpflichtete Oliver Reck, der seit knapp 15 Jahren durch die Strafräume der Bundesliga flog.

In Schalkes Abwehr wurde polnisch gesprochen: Tomasz Waldoch und Tomasz Hajto waren meist zwei der drei Innenverteidiger. Hajto war ein großer, eisenharter Manndecker, der heute noch den Rekord für die meisten gelben Karten in einer Saison hält (16). Waldoch ein ausgezeichneter Kopfballspieler mit gutem Stellungsspiel, weshalb sich die beiden gut ergänzten. Ergänzt wurde das Duo meistens von Nico van Kerckhoven, der ursprünglich für die linke Außenbahn verpflichtet wurde, sich aber als zu groß und zu stumpf für diese Position erwies und seine neue Rolle als Innenverteidiger gut löste.

Vor der Abwehr spielten der niederländische Dauerläufer Niels Oude Kamphuis und mein persönlicher Fußballgott Jiri Nemec. Oude Kamphuis, der in den Jahren zuvor auf den Außenpositionen enttäuschte, spielte in diesem Jahr vor der Abwehr und konnte mit Dribblings offensiv Akzente setzen. Nemec ist ein Spieler, der auch heute noch in der Rolle vor der Abwehr glänzen könnte: Der Tscheche lief bis zum Schlusspfiff, gab keinen Ball verloren und gewann den Großteil seiner Zweikämpfe. Im Gegensatz zu vielen anderen Defensivspielern verfügte er darüber hinaus noch über die Technik, den gewonnenen Ball auch zum Mitspieler zu bringen oder das Spiel durch geschickte Pässe zu eröffnen. Allerdings war er torgefährlich wie ein blinder Manndecker ohne Zehen.

Auf der rechten Seite spielten in der Hinrunde verstärkt Radek Latal, gegen Saionende konnte sich Gerald Asamoah auf dieser Position festsetzen, der in den Jahren zuvor, als großes Sturmtalent aus Hannover geholt, die nötige Torgefahr vermissen lies. Somit wurde auch er „umgeschult“ und fand sich auf seiner neuen Position blendend zurecht. Auf der linken Seite überraschte Jörg Böhme mit einer Saison, die ihn bis in die Nationalelf brachte: Bis dahin ein Wandervogel, der von einem mittelmäßigen Klub zum nächsten zog (Frankfurt, 1860 München, Arminia Bielefeld), überzeugte Böhme im Parkstadion mit scharfen Flanken und gefährlichen Freistößen.

In der Offensive gab es einige Veränderungen. Weniger durch den Sturm, der war mit Ebbe Sand und Emile Mpenza der gleiche wie in der Rückrunde der Vorsaison. Aber durch den Wechsel von Marc Wilmots zu Andreas Möller wurde das Schalker Spiel mit einem Schlag kreativer und unberechenbarer. Im Gegensatz zum Belgier Wilmots war Möller in der Lage, aus fast jeder Spielsituation einen „tödlichen Pass“ zu spielen und so den schnellen Emile Mpenza einzusetzen. Dieses Plus an Spielkulter brachte die Schalker viel weiter nach vorne, als es der körperbetonte Stil der Vorjahre hätte tun können.

Von den Ergänzungsspielern sollte Marco van Hoogdalem erwähnt werden, der wechselweise van Kerckhoven in der Innenverteidigung oder Oude Kamphuis vor der Abwehr vertrat und so ebenfalls auf viele Einsätze in der Bundesliga kam. Das Potential, das in den Vorjahren im Schalker Team geschlummert hatte, wurde in diesem Jahr endlich freigesetzt. Zum einen, weil einige Spieler endlich ihre Position gefunden hatten (van Kerkchoven, Oude Kamphuis, Asamoah), andere unerwartete Qualitäten offenbarten (Böhme, Hajto) und weil mit Andreas Möller der komplette Stil des Teams umgekrempelt wurde.

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Weisheit 7 aus unserem Adventskalender:  “Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt.” (Marcel Reif)

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Furioser Start in die Saison – 4 Spiele, 16 Tore

Zum Auftakt in die letzte Saison im Parkstadion gab es dort ein 2:1 Erfolg gegen den 1.FC Köln. Das Ergebnis hätte deutlich höher ausfallen können, aber nur Sand und Mpenza konnten Markus Pröll im Kölner Tor überwinden und kurz vor Schluss unterlief Tomasz Hajto ein Eigentor. Die folgenden Spiele sollten mehr Tore bringen:  Schalke gewann 4:0 in Rostock, 3:0 zu Hause gegen Cottbus und 7:0 im Pokal  gegen die TSV Rain/Lech. Danach folgten zwei Unentschieden gegen Bremen und 1860 München, bevor die Schalker zum Auswärtsspiel nach Dortmund mussten, wo sich wahrlich Historisches ereignen sollte.

Jörg Böhme, Ebbe Sand und Emile Mpenza, dazu ein Eigentor von Jörg Heinrich besiegelten eine für die Dortmunder demütigende 0:4 Heimniederlage gegen den Rivalen. Eine Woche später gab es für die Schalker die erste Niederlage der Saison, aber trotz des 0:2 beim Hamburger SV standen die Schalker nach sieben Spieltagen auf Rang 2 der Tabelle hinter dem FC Bayern.  Eine Woche später verloren die Bayern mit 0:1 gegen Energie Cottbus, während Schalke bereits den dritten 4:0 Erfolg der noch jungen Bundesliga-Saison feiern konnten, diesmal gegen Eintracht Frankfurt. Schalke stand an der Tabellenspitze und dicht gedrängt dahinter Borussia Dortmund, Bayern München und Hertha BSC. Vier Vereine, die bis zum Ende der Hinrunde wechselweise den Platz an der Sonne belegten.

Aus den folgenden drei Spielen konnten die Schalker jedoch nur einen weiteren Punkt holen – ein 0:0 gegen Bayer Leverkusen, während Auswärts in Freiburg und Kaiserslautern zwar 3 Tore erzielt werden konnten, aber auch insgesamt 6 kassiert wurden. Im DFB-Pokal mühten sich die Schalker ins Achtelfinale, beim Zweitligisten St.Pauli gelang der schmeichelhafte 3:1 Sieg erst in der Verlängerung. Ausgerechnet jetzt stand der letzte Besuch des großen FC Bayern im Parkstadion an…

Weiter geht’s mit Teil 2.

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