Wo sind all’ die Brasilianer hin?

7. November 2012Felix> Bundesliga

Ende des letzten Jahrzehnts kamen in der Bundesliga über 30 Fußballer aus Brasilien zum Einsatz, heute findet man nur noch 15 Spieler brasilianischer Herkunft in der Liga. Davon sind 2/3 Defensivspieler. Wir untersuchen den Wandel der brasilianischen Profis in der Bundesliga.

Wenn man an brasilianische Fußballer denkt, dann tauchen Bilder von gewagten Dribblings, geschmeidigen Antritten und atemberaubenden Ballstaffetten vor dem inneren Auge auf. Man denkt an Ronaldinhos Dribblings, Kaka’s Pässe und Juninhos Freistöße. Und, auch wenn es für die Klasse nie in der Bundesliga gereicht hat, auch in Deutschland verzückten die Ballartisten von Zuckerhut und Amazonasdschungel die Stadionbesucher. Lincoln, Marcelinho und Diego waren die deutschen Sparversionen der Megastars, die in Italien oder Spanien ihr Geld verdienten.

Schaut man heute in die Kader der 18 Bundesligisten sucht man vergeblich nach Brasilianern. Während 2008 noch 33 Spieler brasilianischer Herkunft in den Kadern der Bundesligisten zu finden waren, sind es dieses Jahr weniger als die Hälfte. Mit den verbliebenen 15 Spielern ließe sich nicht einmal eine Mannschaft formen. Auch ein zweiter Trend ist auffällig: Die verbliebenen Brasilianer sind größtenteils Defensivspieler. Werfen wir doch mal einen Blick auf die brasilianischen Stammspieler in der Bundesliga.

Abwehrspieler dominieren

Liste brasilianischer Bundesligaspieler nach Position. Quelle: Eigene Grafik.

Es sind Abwehrspieler wie Dante, Naldo, Felipe Santana und Rafinha, die sind in Deutschland festgesetzt haben und, mit Ausnahme von Santana, bereits bei ihrem zweiten Verein in Deutschland tätig sind. Auch die Mittelfeldspieler, die noch in der Bundesliga aktiv sind, haben nur dann einen Stammplatz, wenn sie vor der Abwehr tätig sind. Als Sechser haben sich Bayerns Luiz Gustavo und Wolfsburg Josue etabliert.

Spielstarke Mittelfeldspieler aus Brasilien sind in der Liga zwar vorhanden, aber keine Leistungsträger. Roberto Firmino kann in Hoffenheim zwar hin- und wieder überzeugen und taucht auch regelmäßig in der Startelf auf, aber sein Phlegma und phasenweise teilnahmsloses Auftreten verhindern den Durchbruch. Den hatte Renato Augusto in Leverkusen bereits geschafft, aber Verletzungsprobleme warfen ihn immer wieder zurück. In der aktuellen Saison kommt der Brasilianer nur auf 40 Minuten Spielzeit.

Im Sturm zeigt sich der Wandel am deutlichsten: Während in den vergangenen zehn Jahren brasilianische Stürmer häufig ein Luxus waren, den sich jeder Verein mit gehobenen Ansprüchen gerne gönnte, ist nur ein brasilianischer Stürmer übrig geblieben. Erinnerungen an Ailton, Marcio Amoroso und Alex Alves werden umso schöner, wenn man sich klar wird, dass der einzige brasilianische Stürmer der Bundesliga bei Greuther Fürth unter Vertrag steht und den Namen Edu trägt. Denn dieser Spieler zeichnet sich nicht durch tolle Ballbehandlung oder graziöse Bewegungen aus. Er ist eher der Prototyp des großen Mittelstürmers, der Abwehrspieler aus dem Weg schiebt und so Räume für Mitspieler schafft, die einen Ball stoppen können.

Es fehlen in dieser Aufzählung das Niedersächsische Felipe-Duo (zwei Innenverteidiger von Wolfsburg und Hannover), der Nürnberger Abwehrrecke Marcos Antonio und der Wolfsburger Rechtsverteidger Fagner.  Diese Spieler haben einiges gemeinsam: Sie sind ebenfalls ausnahmslos Abwehrspieler, sind im Laufe dieses Jahres nach Deutschland gewechselt und haben erhebliche Probleme, sich in der Bundesliga zu Recht zu finden.

Mentalitäts- und Leistungsprobleme

Die Zeit der Ballzauberer ist also vorbei, die Gründe dafür sind vielfältig. 4 davon sollen kurz vorgestellt werden: Zum einen sind es häufig disziplinarische Gründe gewesen, die ein schlechtes Licht auf die Spieler aus Brasilien geworfen haben. Fast jeder Vereinsfunktionär, der mit einem brasilianischen Spieler zusammengearbeitet hat, kann eine wilde Anekdote über seinen Schützling erzählen. Somit liegt es nahe, dass man eher Defensivspieler verpflichtet: Diese müssen auch auf dem Platz eine größere Selbstbeherrschung an den Tag legen und neigen somit eher dazu, dies auch neben dem Platz zu tun.

Zum anderen ist, auch bei einem Blick in andere Ligen, die derzeitige Generation brasilianischer Fußballer einfach nicht besonders gut. Die große Zeit von Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho und Adriano ist vorbei, und derzeit hat auch das Nationalteam kein Überangebot an begabten Offensivspielern. Bei der letzten Weltmeisterschaft lief Luis Fabiano vom FC Sevilla häufig als einzige Spitze der Selecao auf. Mitte der 2000er spielten alleine in der Bundesliga mindestens drei Stürmer, die deutlich besser und torgefährlicher waren. Das Spielerangebot in Brasilien ist derzeit eher durchschnittlich und in Verbindung mit den bereits erwähnten Verhaltensproblemem brasilianischer Profis ist vielen Vereinen das Risiko einfach zu hoch. Zudem spielen Brasilianer einfach nicht gerne im kalten Deutschland, was bei genauerer Betrachtung völlig nachvollziehbar ist: Eine Bundesligasaison streckt sich in der Regel über 9 Monate, von denen man höchstens in 3 warme Temperaturen erwarten darf. Zudem ist es hier am kältesten, wenn sich Brasilianer in ihrer Heimat am Sommer erfreuen könnten.

Anzahl Brasilianischer Spieler in der Bundesliga seit 2001. Quelle: Transfermarkt.de

Letztlich gibt es aber noch einen vierten Grund, der nichts mit Brasilien, seinen Einwohnern, ihrer Mentalität oder ihrer Begabung, Fußball zu spielen, zu tun hat. Die deutsche Jugendarbeit ist durch die massive Kritik von Bundestrainer Berti Vogts nach der WM 1998 komplett umgestellt worden. Aus diesem Grund gibt es eine viel größere Anzahl deutscher Fußball in der Bundesliga, die technisch und taktisch auf dem gleichen oder einem höheren Niveau sind als ausländische Spieler. Aus diesem Grund spielen in diesem Jahr, erstmals seit der Saison 2001/2002, wieder mehr Deutsche als Spieler aus anderen Ländern in der Liga. Und dadurch senkt sich natürlich auch die Anzahl an Spielern aus Brasilien.

Letztendlich wird man erst in einer paar Jahren sagen können, ob als Folge des Bosmanurteils erst eine Menge Fußballer verschiedener Nationalitäten nach Deutschland gespült wurde und sich das Bild nun wieder normalisiert; Oder der derzeitige Mangel an brasilianischen Spielern in der Liga eine Ausnahme darstellt. Es lässt sich aber mit Sicherheit feststellen: Die Brasilianer in der Bundesliga sind weniger geworden. Und die Verbliebenen können das Klischee des stürmischen Ballzauberers nicht mehr erfüllen.

Hier geht’s zu den aktuell sechs besten Brasilianern der Bundesliga.

1 comment zu “Wo sind all’ die Brasilianer hin?”

  1. WM 2014 · 9. Februar 2013 Antworten

    Wir sind auf der Suche nach dem besten brasilianischen Torhüter, der bisher in der Bundesliga gespielt habt. Kennt Ihr einen? Außer Gomes aktuell bei 1899 fallen uns nämlich keine Torhüter aus Brasilien ein…

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