Zwei mal Sechs: Die größten Überraschungen der EM

30. Juni 2012Felix> Bundesliga, | Zwei mal Sechs

In unserer Kolumne “Zwei mal Sechs” stellen unsere Autoren ihre persönliche Top 6 zum aktuellen Thema der Woche auf. Immer wieder gibt es bei einem großen Turnier auch große Überraschungen. Spielergebnisse, gute oder enttäuschende Leistungen einzelner Spieler oder ganzer Mannschaften zerstören alle Prognose im Vorfeld. Felix und Dominik berichten, was in Polen und der Ukraine gar nicht so lief, wie sie es sich vorgestellt haben.

 

 

 

6. Dänemark besiegt die Niederlande
Bereits am zweiten Tag des Turniers gab es die erste große Überraschung: Dänemark, der Außenseiter der Gruppe B, besiegte in seinem ersten Spiel die Niederlande, die als Vizeweltmeister und Mitfavorit an den Start gegangen waren. Was auf dem Papier schon nach einer Sensation aussieht, wirkt bei Betrachtung des Spielverlaufs noch unglaublicher: Die Dänen standen in der Defensive wacklig und konnten nach vorne kaum was auf die Beine stellen. Aber das Team in Oranje verballerte, und das ist hier wörtlich gemeint, alle Chancen mit maßloser Arroganz.

5. Mario Balotelli zeigt eine Weltklasseleistung
Es wird bereits an einigen Stellen aufgefallen sein: Ich mag Mario Balotelli gar nicht und habe mir geschworen, während dieses Turniers keinen positiven Satz über ihn zu schreiben. Aber spätestens seit dem Halbfinale gegen Deutschland ist klar, dass da nichts draus wird. Besonders sein Tor zum 2:0 sucht in Antritt, Ballführung und Abschluss seinesgleichen. Mario Balotelli war der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und Italien, und statt eines dummen Platzverweises wegen einer Tätlichkeit, auf den ich mich Spiel für Spiel gefreut habe, muss ich nun berichten, dass Balotelli wirklich gut ist. Ist er.

4. Griechenland wirft Russland aus dem Turnier
Vor dem letzten Spieltag der Gruppe A war klar, dass es im Spiel Tschechien – Polen den zweiten Viertelfinalteilnehmer der Gruppe zu sehen gibt. Denn nach einem 4:1 gegen die Tschechen und starken 60 Minuten gegen Polen bestand kein Zweifel daran, dass die Dribbelkünstler aus Russland gegen bis dahin biedere und ungefährliche Griechen in die nächste Runde einziehen würden. Es ist mir bis heute nicht ganz klar, wie es passieren konnte, aber Russland verlor in Warschau gegen Griechenland mit 0:1 und musste den Helenen den Einzug in die KO-Runde überlassen. Eine große Überraschung.

3. Portugal erreicht das Halbfinale
Mit den Favoriten Deutschland und Holland in einer Gruppe war das Vorrundenaus Portugals bereits vorbestimmt. Zumal der dritte Gruppengegner mit Dänemark ein Team war, gegen das die Portugiesen in zahlreichen Qualifikationsspielen nicht gut ausgesehen hatten. Das erste Spiel gegen Deutschland wurde unglücklich mit 0:1 verloren, obwohl die Mannschaft von Paolo Bento mindestens einen Punkt verdient gehabt hätte. In der zweiten Partie verspielte man gegen Dänemark sogar einen 2:0-Vorsprung. Das Team aber kam trotz des späten Ausgleichs durch Bendtner noch zum Siegtreffer. Am Ende fehlte Portugal im Halbfinale gegen Spanien nur ein bisschen Glück für eine Finalteilnahme. Ein überraschend gutes Abschneiden für eine Mannschaft, deren Einzug in die KO-Runde als fast unmöglich galt und das im Vorfeld stets nur auf einen Spieler (Na, ratet mal wer?) reduziert wurde.

2. Italien erreicht das Finale
Nach dem ersten Auftritt Italiens, dem 1:1 gegen Spanien, war die Fußballwelt schwer beeindruckt von dem taktischen Wagemut des italienischen Trainer Prandelli, der Spanien an den Rand einer Niederlage brachte. Dennoch hat es niemand für möglich gehalten, die Mannschaft im Finale der EM wiederzusehen. Zwar deutete Pirlo seine überragende Form an und Buffon zeigte sich als Rückhalt im Tor, aber Spieler wie Motta, Marchisio und Giaccherini zeigten kaum mehr als durchschnittlichen Fußball. Von der schlechten Leistung Balotellis in den ersten beiden Spielen ganz abzusehen. Doch Balotelli, aber auch Nebendarsteller wie Montolivo oder Diamanti, steigerten sich von Spiel zu Spiel und stehen nun, für mich völlig überraschend, im Finale. Und als neutraler Beobachter kann man nicht traurig darüber sein, im Endspiel eine zweite Auflage des bisher besten Spiels der EM zu sehen.

1. Deutschland wird nicht Europameister
Schon vor dem Turnier war Deutschland einer größten Favoriten auf den Turniersieg. Und nachdem alle 4 Spiele mit teilweise sehr guten Leitungen gewonnen wurden, konnte es kaum noch Zweifel geben, dass Deutschland den ersten Titel seit 1996 gewinnt. Auch aus diesem Grund wirkt die Niederlage gegen Italien wie ein Schock: Es war nach den Eindrücken des Turniers nicht davon auszugehen, dass die Sache noch derart schief laufen würde. Aus der Summe von Erwartungshaltung vor dem Turnier und den gezeigten Leistungen im Turnier muss das Halbfinalaus der deutschen Mannschaft als größte Überraschung der Europameisterschaft 2012 gelten.

 

 

6. Kein Gastgeber erreicht die KO-Runde
Auch wenn mit Polen und der Ukraine jetzt nicht die europäischen Übermanschaften Gastgeber dieser Europameisterschaft waren, so bin ich doch davon ausgegangen, dass zumindest eine der Mannschaften das Viertelfinale erreichen könnte. Und zumindest bei den Polen war dies leistungstechnisch im Bereich des Möglichen. Doch durch eine im letzten Spiel absolut überraschende Leistungsverweigerung musste man nach der Gruppenphase feststellen, dass – obwohl mehr drin gewesen wäre – es nicht für mehr gereicht hat. Die Ukraine hätte ebenfalls die Möglichkeiten gehabt, doch mit Frankreich und England hatte man die deutlich schwereren Gegner in der Gruppe, die sich nach drei Spielen auch recht souverän durchgesetzt haben. Bei der nächsten EM sollte es aber wieder klappen, dass der Gastgeber die KO-Phase erreicht, oder Frankreich?

5. Mario Balotelli überzeugt durch Leistung
Viel wurde im Vorfeld der EM für das Sturmduo Italiens gesprochen: Mario Balotelli und Antonio Cassano – beides Spieler, die mehr durch Skandale statt durch Leistung auf sich aufmerksam gemacht haben. Während Cassano gute Leistungen und mannschaftsdienlich im Verlaufe des Turniers gespielt hat, so durfte man nach dem ersten Spiel der Italiener zweifeln, ob Balotelli noch zu Einsätzen kommt, da er durch seinen Schlendrian eine Großchance gegen Spanien liegen ließ. Doch im Laufe des Turniers spielte er sich in den Vordergrund, steht bei drei Turniertreffern, wovon zwei (leider) im Halbfinale die Deutschen in die Knie zwangen. Dieser Balotelli ist einfach ein Typ, den der Fußball braucht und von denen es immer weniger gibt. Hoffen wir, dass er so bleibt – wenn alles im fairen Rahmen bleibt, natürlich.

4. Deutschland erreicht das Finale nicht
Ich habe mir aus deutscher Sicht so viel von dieser EM erhofft. Die Mannschaft ist seit der WM 2010 sehr gereift, so eine große Anzahl an Weltklassespielern hatten wir schon lange nicht mehr in den Reihen der Nationalmannschaft. Einziger Wertmutstropfen war das Lospech mit der schwersten Gruppe der EM. Als diese Hürde mehr als souverän gemeistert wurde, man im Viertelfinale gegen Griechenland antreten musste – da war das Finale doch schon fast gebucht. Doch plötzlich war klar, dass im Halbfinale Italien warten würde und es graute mir schon vor dem Worst Case – der dann leider auch eingetreten ist. Auch wenn das Halbfinale kein Misserfolg ist, so ist es doch etwas enttäuchend, wenn man bedenkt, auf was man vorher gehofft hatte. Nun heißt es Kopf hoch und auf die WM 2014 hinarbeiten.

3. Die schlechte Leistung von Lukas Podolski
Nach einer guten Saison beim 1.FC Köln und die in der Vergangenheit stets guten Leistungen in der Nationalmannschaft habe ich mir von Podolski viel erhofft bei dieser Europameisterschaft. Und wurde bitter enttäuscht. In keinem einzigen Spiel konnte Podolski auch nur annähernd an seine guten Leistungen anknüpfen. Im Gegenteil: Gerade im Spiel gegen Italien sorgte Podolski für null Gefahr, den Fehler, ihn von Beginn an zu bringen, hat Jogi Löw dann auch in der Halbzeit korrigiert, wenn auch zu spät. Nach den guten Leistungen von Reus und Schürrle, wird es für Poldi in Zukunft eng in der Nationalmannschaft. Da er ja nun auch im Club der 100er ist, wird dies auch zu verkraften sein.

2. Italien steht im Finale
Für viele Experten und Fans gehörte Italien vor der EM nicht zum engeren Favoritenkreis auf den Titel. Ohne mich hier aufzuspielen, aber ich war da etwas anderer Meinung. Auch wenn ich sie nicht für das Finale auf dem Zettel hatte, so hab ich mich doch gefragt, warum sie jeder so schlecht geredet hat. Man hat die Mannschaft für italienische Verhältnisse verjüngt und den Umbruch geschafft. Mit den erfahrenen Andrea Pirlo und Gianluigi Buffon, die großen Anteil am Finaleinzug der Italiener hatten, hat das Team die nötige Erfahrung. Natürlich ist auch Mario Balotelli (siehe Punkt 5) ein Mann, der großen Anteil an diesem Erfolg hat. Erwähnen sollte man auch Cesare Prandelli, der die Mannschaft geformt und taktisch außerordentlich gut eingestellt hat. Jetzt hoffe ich, dass der bisherige Erfolg mit dem Titel gekrönt wird.

1. Die Niederlande scheidet ohne Punkt aus
Die für mich allergrößte Überraschung ist das Ausscheiden der Niederländer – immerhin Vize-Weltmeister – ohne einen einzigen Punkt. Vor der Europameisterschaft gehörten die Holländer für mich mit zu den größten Titelfavoriten. Doch schon nach dem ersten Spiel, welches gegen die Dänen mit 0:1 verloren ging, ahnte ich schon Böses. Da das folgende Spiel bereits gegen die Deutschen stattfand, ginge ich auch hier nicht von einem Punktgewinn aus – so kam es dann auch. Und auch im abschließenden Gruppenspiel gegen die Portugiesen musste man mit einer Niederlage vorlieb nehmen. Obwohl die Leistungen gar nicht so schlecht waren, zog man den Hohn und Spott der Fans und Presse auf sich und darf sich nun – ob gewollt oder nicht – mit einem Neuanfang beschäftigen.

 

1 comment zu “Zwei mal Sechs: Die größten Überraschungen der EM”

  1. Anonymous · 30. Juni 2012 Antworten

    Das Ausscheiden von Holland kam ja nicht mehr so überraschend, nach dem die schon gegen Denemark verloren hatten. Sonst eine nette Liste.

    Mir fehlt Mats Hummels, der ja vorm turnier von vielen nicht in der ersten mannschaft gesehen wurde und dann doch gut war.

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