Zwischen Nationalmannschaft und Mittelmaß

13. Dezember 2012Felix> Bundesliga

Was haben Mike Hanke, Patrick Helmes und Stefan Kießling gemeinsam? Sie alle müssten schon mindestens 100 Länderspiele haben. Zumindest wenn man die Trends des Jahres 2012 rückwirkend betrachtet.

Es war im Januar und Februar dieses Jahres, als Mike Hanke und Marco Reus das brandgefährliche Sturmduo von Borussia Mönchengladbach bildeten. Beide trafen wie sie wollten (Reus etwas mehr als Hanke), flankiert von den in bestechender Form spielenden Patrick Herrmann und Juan Arango, halfen die blondierten Angreifer der Fohlen mit, dass ihr Team Sieg an Sieg reihte. Da fing sie an: Die jahresbegleitende Show „Deutschland sucht den Superstürmer“. Nicht im Kreis der Kandidaten waren Mario Gomez und Miroslav Klose, die waren ja schon Superstürmer und somit für ein Casting nicht mehr geeignet. Die Tatsache, dass die Nationalelf im Sturmzentrum bereits 2 Alternativen von internationalem Format verfügt, ist meistens nicht mal eine Randnotiz wert.

Bis März war Hanke ein EM-Ticket so gut wie sicher, zumindest in Gazetten wie der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Hanke, das vergessene Talent von der Schalker Bank, in Wolfsburg und Hannover zum Topstürmer gereift, der umringt von deutlich talentierteren Spielern in Mönchengladbach den Durchbruch schafft. Das klingt zwar total lächerlich, war aber eine häufig erzählte Geschichte im kalten Winter 2012. Nur Wochen später war klar: Mike Hanke, der sich unter Trainer Favre zwar im Direktspiel deutlich verbesserte, aber immer noch zu lange braucht, um auf dem Platz Entscheidungen zu treffen, die dann meistens falsch sind, ist doch nur einer von vielen deutschen Stürmern in der Bundesliga. Er war ein paar Wochen in extrem guter Form, aber es kann überhaupt keine Diskussion darüber aufkommen, ob Hanke von Sturmpartner Reus profitierte oder umgekehrt.

 

Erst Mike Hanke, dann Patrick Helmes

Also wurde die nächste Sau durchs Dorf getrieben, in diesem Fall eine Sau im Wolfspelz. Im letzten März war Felix Magath scheinbar krank oder hatte eine Phase, die seine unendliche Kreativität beim Aufstellen von Fußballmannschaften arg beeinflusste. Der VfL Wolfsburg lief zu dieser Zeit 4-mal in Folge mit der gleichen Startaufstellung auf und holte die Maximalausbeute von 12 Punkten. Einer von den Spielern, die scheinbar mehrfach in Magaths großer Startelf Lostrommel vertreten waren, hieß Patrick Helmes und schaffte es in diesen Spielen gleich fünf Mal, den Ball im gegnerischen Tor zu platzieren. Das war natürlich eine Riesengeschichte, war Helmes doch zuvor von Magath erst mit einer Geldstrafe belegt und schließlich komplett aus der Mannschaft geworfen worden.

Floh aus Leverkusen, statt sich dem Konkurrenzkampf mit Derdiyok und Kießling zu stellen: Patrick Helmes. Bild: KSMedia

Wir hatten den nächsten Wunderstürmer gefunden! Galt Helmes nicht schon als Megatalent, als er 2003 von den Sportfreunden Siegen zum 1.FC Köln wechselte? Und 2009 war er sogar bester Torschütze von Bayer Leverkusen. Und wenn man, mit 28 Jahren, durch gute Leistungen bei Wolfsburg II den Trainer der Bundesligamannschaft auf sich aufmerksam macht und dort sogar spielen darf, wie soll man sich besser für Jogi Löw empfehlen? Man kann sich kaum entscheiden, ob sich die Vita von Mike Hanke oder Patrick Helmes besser satirisch aufarbeiten lässt. Aber aus irgendeinem Grund erhielten der beste deutsche WM-Torschütze aller Zeiten und die störungsfrei funktionierende Tormaschine von Bayern München immer den Vorzug…

Helmes ist ohne Frage der talentierteste der drei Stürmer, um die sich dieser Artikel dreht. Er ist der beweglichste und technisch stärkste, hat aber deutliche Schwächen im Durchsetzungsvermögen (körperlich wie mental) und ist in seiner gesamten Karriere vor jeder Herausforderung geflohen. Noch dazu ist er älter als Mario Gomez. Helmes ist ein guter Bundesligastürmer mit beeindruckender Torquote (egal wo, er trifft in fast jedem 2.Spiel). Aber für die Nationalmannschaft reicht es nicht. Es wird spannend sein, wie er nach überstandenem Kreuzbandriss den Konkurrenzkampf mit Ivica Olic und Bas Dost aufnehmen wird.

 

Für Cacau reicht es nicht

Die EM zog ins Land, Joachim Löw nominierte seinen Stuttgarter Spezi Cacau, konnte nicht einmal den Ansatz von Form oder Wettbewerbsfähigkeit feststellen und schmiss ihn noch vor Turnierbeginn aus dem Kader, wo weder Hanke noch Helmes Platz fanden. Eine neue Bundesligasaison begann und die besten Stürmer hießen plötzlich Mario Mandzukic, Klaas-Jan Huntelaar und Marco Reus. Das war sehr unglücklich, denn Mandzukic ist Kroate, Huntelaar Niederländer und Marco Reus schon Nationalspieler. Der nächste deutsche Wunderstürmer ließ auf sich warten, ausgerechnet jetzt, als sich Mario Gomez verletzt hatte.

Gott sei Dank sprang Bayer Leverkusen in die Bresche. Die Werkself vom Rhein spielte unter ihrem neuen Trainerduo Saschasami Hyypidowski ein 4-3-3 System, in dem ein ausreichend großes Bierfass die Rolle als Mittelstürmer adäquat erfüllen könnte. Flankiert von den extrem guten Fußballern Gonzalo Castro und Andre Schürrle, die jeden Mitspieler wie einen Topstürmer aussehen lassen können, entschieden sich die Trainer jedoch gegen die Variante aus Holz und für den hölzernen Stefan Kießling.

Der Leverkusener kommt, begünstigt durch seine Position als mittlere von drei Spitzen, in 16 Spielen dieser Saison auf 10 Saisontore. Davon schoss er acht gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte, eines, weil ihm Philipp Lahm den Ball vor das Schienbein grätschte und ein weiteres im Spiel gegen Schalke, wo er darüber hinaus noch einen Elfmeter verschoss. Wenn das nicht das Material ist, aus dem der Torschützenkönig der WM 2014 geschmiedet wird! Wen kümmert es da, dass der (auch in diesem Fall jüngere) Mario Gomez seit Jahren in jedem Wettbewerb trifft wie er will.

Einsatz: Vorbildlich, Technik: Verbesserungswürdig. Stefan Kießling, ein reiner Mittelstürmer. Bild: KSMedia

Man wird an dieser Stelle völlig zu Recht feststellen, dass auch Gomez von seinen Mitspielern enorm profitiert. Dennoch ist Gomez‘ Schusstechnik in Europa einmalig, seine Antrittsstärke und Ballbehandlung machen ihn zu einem absolut kompletten Stürmer. Stefan Kießling hingegen ist eine Kampfmaschine, die sich in jedem Spiel voll reinhängt und sich durch bloße Willenskraft Torchancen erarbeitet. Dennoch ist er zuweilen überfordert, wenn er flach angespielt wird und sein Kopfballspiel profitiert mehr von seiner Größe und Sprungkraft als von irgendeiner erkennbaren Technik. Er ist gut genug für Bundesliga und Europa League, wird aber auf höherem Niveau hoffnungslos verloren sein.

Und somit endet die Geschichte des Jahres 2012, von alternden und durchschnittlichen Stürmern, die „es einfach mal verdient haben“ in der Nationalmannschaft zu spielen. Es scheitert daran, dass keiner dem Hype gerecht werden kann, der zuweilen um sie gemacht wird. Und das ist schade: Denn Miroslav Klose wird leider nicht jünger und Mario Gomez ist zwar ein guter Ersatz, aber nach dem Bayernspieler kommt lange Nichts. Wo sind die wirklich guten deutschen Mittelstürmer?

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